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Freihandel und Zölle - Eine abwechslungsreiche Geschichte

Das Ringen um Freihandel und Zölle prägt die Weltwirtschaft seit gut 200 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Handel jahrzehntelang im großen Stil liberalisiert, nun geht es wieder um Strafzölle und Handelskriege, auch dank US-Präsident Donald Trump. Ist das nun das Ende der Globalisierung? Von Maike Brzoska

Freihandel und Zölle - Eine abwechslungsreiche Geschichte | Bild: picture alliance / dpa | Matthias Balk
22 Min. | 2.4.2025

VON: Maike Brzoska

Ausstrahlung am 2.4.2025

SHOWNOTES

Credits
Autorin dieser Folge: Maike Brzoska
Regie:  Irene Schuck
Es sprach: Susanne Schroeder
Technik: Regine Elbers
Redaktion: Nicole Ruchlak

Im Interview:
Nikolaus Wolf, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt Universität
Oliver Lorz, Professor für Intern. Wirtschaftsbeziehungen an der RWTH Aachen
Claudia Schmucker von Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik
Hanns-Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

SPRECHERIN

Großbritannien im Mai 1846: Im britischen Parlament gibt es heftige Wortgefechte. Thema sind die Getreidezölle, die sogenannten Corn Laws. Die waren gut 30 Jahre zuvor auf Drängen der mächtigen Landwirtschaftslobby eingeführt worden. Die Zölle machen das Getreide aus dem Ausland teurer – und fördern so den Verkauf des inländischen Getreides. Es sind also klassische Schutzzölle. Gegner der Zölle sind die Vertreter der Industrie. Sie gewannen damals stark an Einfluss. Es ist die Zeit der Industriellen Revolution: Immer mehr Fabriken werden gebaut, viele Menschen ziehen in die Städte, wo sie oft unter prekären Bedingungen leben. 

01 O-TON (Wolf)

Und die Industrievertreter, die Whigs, haben propagiert, dass es eine schlechte Idee sei, Schutzzölle zu nehmen. Es wäre viel vorteilhafter für alle Beteiligten, wenn England für Freihandel eintritt, also möglichst eine völlige Abschaffung von Zöllen.

SPRECHERIN

Der Wirtschaftshistoriker Professor Nikolaus Wolf. Er unterrichtet an der Humboldt-Universität Berlin. Für die Vertreter der Industrie wäre die Abschaffung sämtlicher Zölle gleich aus mehreren Gründen vorteilhaft. Zum Einen erhoffen sie sich gute Geschäfte mit dem Ausland. Sie selbst brauchen die Konkurrenz aus anderen Ländern eher nicht zu fürchten. 

02 O-TON (Wolf)

Weil die englische Industrie damals in fast allen Bereichen Weltmarktführer war, also zu geringeren Stückkosten produzieren konnte als alle Wettbewerber. 

SPRECHERIN

Zum anderen, so argumentieren die Industrievertreter, leide vor allem die ärmere Bevölkerung, also die Arbeiterinnen und Arbeiter, unter den Zöllen, weil diese das Brot teurer machen. Das Argument verfängt. Die Zeitungen des Landes sprechen bald nicht mehr von Getreidezöllen, sondern von einer „Brotsteuer“. Dazu muss man wissen: Getreide war für die Menschen damals lebenswichtig. Eine durchschnittliche Familie gab mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Brot aus. Stiegen die Brotpreise hatte das nicht selten leere Mägen zur Folge. 

03 O-TON (Wolf)

Getreide ist als Brot-Getreide wichtig, aber es wurde auch damals schon sehr viel in flüssiger Form konsumiert – also Bier.

Musik 2

"Cauchemar De Marx" - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'0'32

SPRECHERIN

Die Landwirtschaftslobby versucht im Parlament dagegen zu halten. Sie wirft den Industrievertretern vor, die Arbeiterschaft aufwiegeln zu wollen. Und sie behauptet, dass die Industriellen nur niedrige Brotpreise wollten, um die Löhne senken zu können. Aber die Agrar-Lobby kann sich nicht durchsetzen. Die Mehrheit des britischen Parlaments stimmt für die Abschaffung der Getreidezölle. Eine Entscheidung, die für viele Menschen positive Folgen hatte.

04 O-TON (Wolf)

Es ist auch im Nachhinein sehr deutlich sichtbar, dass die Lebenshaltungskosten gesunken sind, insbesondere die Getreidepreise, so dass die Reallöhne der Arbeiterschaft tatsächlich nach Abschaffung dieser Getreidezölle gestiegen sind. 

Musik 3

"Whokiller" - Ausführender: Disasterpeace - Album: Bodies Bodies Bodies (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Richard Louis Vreeland - Länge: 0'30

SPRECHERIN

So kam es, dass die Idee des Freihandels erstmals verwirklicht wurde – eigentlich aus primär innenpolitischen Gründen. Was aber gar nicht so selten ist, wie wir noch sehen werden. 

Von Großbritannien aus verbreitete sich der Freihandel zunächst in Europa und schließlich auch in anderen Regionen der Welt. Wobei man aber besser von Tendenzen in Richtung Freihandel sprechen sollte. 

05 O-TON (Lorz)

Freihandel ist eine Idealsituation, in der es quasi keinerlei politische Handels-Hemmnisse gibt. Also keine Zölle, keine Importquoten oder Regulierung, die sonst wie den Handel beschränken. So in der reinen Form wird sie wahrscheinlich praktisch kaum vorkommen, diese Situation.

SPRECHERIN

Oliver Lorz, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Er lehrt an der RWTH Aachen. Die Theorie des Freihandels entstand schon ein paar Jahrzehnte zuvor. Da entwarf der englische Kaufmann und Ökonom David Ricardo das Konzept des „Komparativen Vorteils“. Es gilt als eines der einflussreichsten in den Sozialwissenschaften. 

06 O-TON (Lorz)

Das prominenteste Argument für den Freihandel ist, dass Freihandel eine bessere Arbeitsteilung ermöglicht zwischen den Ländern, das heißt, die Länder können sich auf die Produktionen spezialisieren, bei denen sie eben einen entsprechenden Vorteil haben. 

Musik 4

"Whokiller" - Ausführender: Disasterpeace - Album: Bodies Bodies Bodies (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Richard Louis Vreeland - Länge: 0'56

SPRECHERIN

Die Idee ist: Jede Nation konzentriert sich auf das, was sie am besten kann bzw. am effizientesten produziert – und zwar unabhängig davon, ob ein anderes Land womöglich noch effizienter ist. Wenn zum Beispiel sowohl Großbritannien als auch Portugal Textilien herstellen, Großbritannien das aber kostengünstiger macht, ist es besser, wenn sich Großbritannien auf Textilien spezialisiert und diese nach Portugal exportiert. Portugal hingegen könnte dann Wein anbauen und nach Großbritannien verkaufen, selbst wenn die Briten auch den Wein kostengünstiger herstellen könnten. Durch diese internationale Arbeitsteilung, so die Überzeugung Ricardos, haben letztlich alle mehr. Mit diesem Argument tritt Großbritannien damals an Frankreich heran. 

07 O-TON (Wolf)

Natürlicherweise hatte Frankreich ein großes Interesse daran, mehr Wein nach England zu exportieren. Das ist dann eines der Ergebnisse dieser Cobden-Chevalier-Verträge, dass die Engländer ihre Wein-Importsteuern massiv reduzieren und im Gegenzug Frankreich dann die Zölle auf Industrieprodukte deutlich senkt.

SPRECHERIN

Die Namensgeber Richard Cobden und Michel Chevalier waren die Unterhändler dieses allerersten Freihandelsvertrages von 1860. Fortan trinken die Engländer also mehr französischen Wein und weniger englischen. Was zeigt: Freihandel hat auch negative Folgen. Denn den englischen Weinproduzenten dürfte die Konkurrenz aus Frankreich massiv geschadet haben. 

08 O-TON (Lorz)

Es gibt da durchaus Gewinner und Verlierer. Es kann auch durchaus sein, dass einzelne Personengruppen verlieren durch den Handel. Und dann geht es eben darum, ob man die entsprechend kompensieren kann oder nicht. Und wenn Ökonomen eben von Vorteilen des Handels sprechen, dann immer davon, dass man sagt: In der Summe ist es so, dass die Gewinner in der Summe mehr gewinnen als die Verlierer verlieren.

SPRECHERIN

Auch hierzulande fing man zu dieser Zeit an, Handelshemmnisse abzubauen. 

09 O-TON (Wolf)

In Deutschland gibt es seit 1833, 34 den Zollverein, das heißt, eine Vereinbarung zwischen einzelnen deutschen Staaten, allen voran Preußen, aber auch Bayern, Württemberg, die hessischen Staaten und so weiter, über die Abschaffung von Binnenzöllen innerhalb Deutschlands und dann die Einigung über gemeinsame Außenzölle nach außen. Und dieser Zollverein an sich war schon mal ein Schritt in Richtung niedrigere Zölle.

SPRECHERIN

In Europa ging es also in Richtung Freihandel zu dieser Zeit. Und auch in anderen Regionen der Welt werden Handelshürden abgebaut – oft allerdings gegen den Willen der dortigen Regierung. 

11 O-TON (Wolf)

Was damals passiert ist, ist, dass die europäischen Kolonialmächte, aber auch die Amerikaner dann zunehmend als Akteure in den einzelnen Kolonien – oder Staaten, die sie gerne kolonisiert hätten – versuchen, die Importzölle dieser Länder zwangsweise zu beseitigen.

Musik 5

"Cholera" - Ausführender und Komponist: Antonio Pinto - Album: Love In the Time of Cholera (Original Soundtrack) - Länge: 1'00

SPRECHERIN

So war es zum Beispiel Mitte des 19. Jahrhunderts in China. Das Chinesische Reich ist zu dieser Zeit wirtschaftlich ein eher abgeschottetes Land. Zwar sind in Europa Luxusgüter wie Tee, Seide oder Porzellan aus dem fernen Osten sehr begehrt, die chinesische Regierung will aber nicht im gleichen Maße Waren aus Europa importieren und legt deshalb hohe Zölle fest. Die Briten beginnen, Opium nach China zu exportieren, unter anderem um das Handelsungleichgewicht auszugleichen. Millionen Menschen werden abhängig – und versuchen sich mehr von der Droge zu beschaffen. Als die chinesische Regierung gegen den Drogenhandel vorgeht, ist das für die Briten ein willkommener Anlass, Kriegsschiffe zu entsenden. Es folgen zwei Kriege mit dem Ergebnis, dass China in Sachen Handelspolitik einlenken muss.

12 O-TON (Wolf)

Die Chinesen dürfen überhaupt keine Zölle mehr selbstständig erheben, sondern es wird dann sozusagen eine Kommission geschaffen, die das übernimmt, und in vielen Bereichen sind diese Zölle dann tatsächlich null.

SPRECHERIN

In Europa geht es hingegen bald schon wieder in die andere Richtung. Wieder sind es primär innenpolitische Motive, die den Wandel einläuten. So auch im Deutschen Kaiserreich.

13 O-TON (Wolf)

Ein wichtiger Punkt war, dass eben seit den 1870er-Jahren die Transportkosten noch einmal massiv gesunken sind. Und insbesondere aus den Vereinigten Staaten, aber dann auch zunehmend aus dem Russischen Reich immer mehr Getreide nach Europa importiert wurde. Und insbesondere die Getreide-Produzenten in der Landwirtschaft kamen auf einmal ganz massiv unter Druck, also es war eine richtige Krise, die Preise für Getreide sind deutlich gefallen.

Musik 6

"The Diary" - Ausführender und Komponist: Max Richter - Album: La marque des anges - Miserere (Bande originale du film) - Länge: 0'28

SPRECHERIN

Über niedrige Brot-Preise freut sich zwar die Bevölkerung, aber irgendwann gehen die heimischen Getreide-Produzenten Pleite. Sie fordern deshalb Schutzzölle. Mit Erfolg. Reichskanzler Otto von Bismarck erhebt deshalb 1878 großzügig Zölle, unter anderem auf Getreide, Holz, Vieh und Eisen. 

14 O-TON (Wolf)

Und darauf wiederum haben dann natürlich die Nachbarstaaten, z. B. Frankreich, relativ schnell reagiert und das, sag ich mal, als Vorwand genutzt, um auch Zölle wieder zu erhöhen.

SPRECHERIN

Jedes Land schützt seine eigenen Unternehmen – eine Form von Protektionismus, der zu dieser Zeit Hand in Hand geht mit dem zunehmenden Nationalismus.

15 O-TON (Wolf)

Der Protektionismus ist eine Ausprägung von Nationalismus häufig gewesen, das ist nicht unbedingt immer so, aber gerade, wenn man sich die Entwicklung in Deutschland im Kaiserreich anschaut, dann hat man den Eindruck, dass eben die Befürworter dieser Schutzzoll-Maßnahmen ideologisch sehr, sehr nahe an den Nationalisten immer dran standen. 

Musik 7

"The Diary" - Ausführender und Komponist: Max Richter - Album: La marque des anges - Miserere (Bande originale du film) - Länge: 0'29

SPRECHERIN

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gehen die Zölle steil nach oben. Vor allem zur Zeit der großen Wirtschaftskrise ab 1929. Fast alle Staaten versuchen, die eigene Wirtschaft zu schützen – und erreichen letztlich genau das Gegenteil. Der Welthandel bricht ein, immer weniger Waren werden gehandelt, viele Firmen gehen Pleite. 

16 O-TON (Lorz)

Das hat wirklich zu einem sehr, sehr starken Einbruch des Welthandels geführt, zum Beispiel in den USA sind die Exporte über die Hälfte zurück gegangen.

SPRECHERIN

Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs geht es wieder entschieden in Richtung Freihandel. 

17 O-TON (Wolf)

Die Ausgangslage war, dass die Handelsbarrieren ungeheuerlich hoch waren. Und die Amerikaner als die Hegemonialmacht haben ihre Aufgabe darin gesehen, da wieder den Handel zu liberalisieren und auch zu stabilisieren, erst mal also eine stabile Rahmenordnung wiederherzustellen.

SPRECHERIN

1947 treffen sich in Havanna auf Kuba die Vertreter von 57 Staaten. Die Ambitionen sind groß. Die Staaten wollen eine internationale Handelsorganisation gründen, mit verbindlichen Regeln für alle. Daraus wurde dann allerdings erst mal nichts. Der US-Kongress verweigert die Unterzeichnung der sogenannten Havanna Charta, und auch vielen europäischen Regierungen gehen die Vorschläge damals zu weit. Man beschließt, mit einem Provisorium zu arbeiten.

18 O-TON (Wolf)

Und dieses Provisorium war das General Agreement on Trade and Tariffs, GATT. Da einigte man sich dann auf regelmäßige Treffen und Verhandlungsrunden, und dort wurde dann ganz konkret über spezifische Güter und Produktgruppen verhandelt und über die Importrestriktionen.

Musik 8

"Whokiller" - Ausführender: Disasterpeace - Album: Bodies Bodies Bodies (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Richard Louis Vreeland - Länge: 0'58

SPRECHERIN

In den ersten Jahrzehnten funktioniert das gut. Die Staaten beschließen großzügige Zollsenkungen, immer mehr Staaten treten dem GATT bei. In den 1970er Jahren einigen sich die Länder dann erstmals darauf, technische Normen und Standards anzugleichen. Mit der Zeit werden die Verhandlungen aber schwieriger. Auch weil immer mehr Länder dem GATT beitreten, zum Beispiel die Staaten aus dem ehemaligen Ostblock. Man braucht eine neue Arbeitsgrundlage. Und nun soll es doch noch eine richtige Organisation geben. Eine Welthandelsorganisation. 

19 O-TON (Wolf)

Dahinter steckten dann vor allem die Europäer, und die Amerikaner waren aber auch mit an Bord, und der entscheidende Schritt ist dann natürlich der Beitritt Chinas zu dieser Organisation.

SPRECHERIN

Am 1. Januar 1995 nimmt die WTO, die World Trade Organization, ihre Arbeit auf. Mehr als 100 Staaten hatten das Abkommen unterzeichnet. Ein Meilenstein. Das Ziel ist, den Welthandel weiter zu liberalisieren. Man will Handelsbarrieren abbauen und gleiche Regeln für alle schaffen. Auch Handelskonflikte zwischen zwei Staaten sollen im Rahmen der WTO geregelt werden. Parallel dazu entstehen weitere wichtige Handelsabkommen. Es ist die Zeit der regionalen Integration – und die der Abkürzungen: NAFTA zum Beispiel, das nordamerikanische Freihandelsabkommen zwischen Mexiko, USA und Kanada. Oder ASEAN – der Verband südostasiatischer Staaten. Und natürlich die Europäische Union, wobei die EU als politische Union schon damals weit über den Status eines Handelsverbundes hinaus geht. Hintergrund der vielen Abkommen war, dass sich zu der Zeit der Handel stark verändert hatte. Das liegt zum einen an den Transportkosten, die nochmals deutlich gesunken waren. 

20 O-TON (Wolf)

Die sind ja noch einmal massiv gesunken durch das, was man auf Englisch Containerisation nennt, also die Container-Revolution, dass Standard-Container auf ganz großen Containerschiffen über die Ozeane geschickt.

SPRECHERIN

Und zum anderen an der Art und Weise, wie Waren mittlerweile produziert werden. 

21 O-TON (Wolf)

Die Industrieproduktion wurde immer mehr in Teilschritte aufgebrochen, die dann auch an unterschiedlichen Standorten stattfinden. 

SPRECHERIN

Heute spricht man von der Hyperglobalisierung. Damit gemeint ist die Zeit etwa seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 bis zur Finanzkrise 2008, sagt die Ökonomin Claudia Schmucker. Sie leitet das Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. 

22 O-TON (Schmucker)

In der Zeit haben wir die Entwicklung von Lieferketten, die eben stark vernetzt auf der ganzen Welt gegründet wurden, unabhängig davon, ob das Demokratien oder Autokratien waren. Alles vernetzt sich untereinander. 

SPRECHERIN

Vorprodukte werden, zum Beispiel in asiatischen Staaten, in großen Mengen kostengünstig hergestellt. Das macht komplexe Produkte wie Computer oder Autos sehr viel günstiger – und für viele Menschen erschwinglich. Die weltweite Arbeitsteilung ermöglicht im Prinzip auch Spezialisierung und technologischen Fortschritt. Gleichzeitig hat die intensive Vernetzung Kehrseiten. Der Wettbewerb verschärft sich unter ungleichen Wettbewerbsbedingungen: Heimische Hersteller gehen Pleite, weil sie der günstigeren Konkurrenz aus dem Ausland nicht standhalten. Daneben gibt es immer wieder Missachtung von Menschenrechten oder Umweltvergehen entlang der Lieferketten von international produzierenden Unternehmen. In mehreren Ländern gründen sich zivilgesellschaftliche Gruppen, die gegen solche Missstände protestieren. Einen ersten Höhepunkt gibt es kurz vor der Jahrtausendwende, sagt der Handelsexperte Hanns-Günther Hilpert. Er arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik.  

23 O-TON (Hilpert)

Vielleicht das erste Ereignis, was man sehen kann, war 1999 in Seattle bei einer WTO-Konferenz, die abgebrochen wurde wegen Anti-Globalisierungs-Protesten.

Musik 9

"Full Moon" - Komponistin: Ulrike Haage - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'38

SPRECHERIN

Brennende Barrikaden, zerbrochene Fensterscheiben, Tränengas, Schlagstöcke – der Battle of Seattle, wie er später genannt wird, ist ein Schock. Der jahrzehntelange Trend hin zu mehr Freihandel scheint erst mal gestoppt. Die WTO-Konferenzen werden immer wieder vertagt. Der große Durchbruch bleibt aus, wenn überhaupt einigen sich die Staaten in Detailfragen. Denn auch auf Seiten der Regierungen gibt es Bedenken. Auch in Europa.

25 O-TON (Hilpert)

Zum Teil die traditionellen protektionistischen Ängste, also vor allem, dass die Agrarmärkte geöffnet werden, dass auch bestimmte Industrien halt unter Import-Druck geraten. 

SPRECHERIN

Wobei es um Zölle nur noch am Rande geht. Denn die sind weitgehend abgebaut. Beispiel TTIP: In dem transatlantischen Freihandelsabkommen, das die USA und die EU ab 2013 verhandeln, liegen die Zölle im Schnitt nur noch bei zwei Prozent. Vielmehr geht es in den Verhandlungen darum, Regulierungen zu vereinheitlichen. Denn unterschiedliche Vorschriften in den Ländern führen dazu, dass Unternehmen ihre Herstellung für jedes Land, in das sie exportieren wollen, anpassen müssen. So gesehen sind nationale Unterschiede also ein Handelshemmnis, und davon gibt es jede Menge.

26 O-TON (Wolf) 

Also Unterschiede in der Regulierung von bestimmten Produktionsprozessen, Sicherheitsstandard, Gesundheitsstandards, Umweltauflagen, Arbeitsmarktstandards.

SPRECHERIN

Regulierung, Standards, Auflagen – das klingt alles sehr technisch. Tatsächlich aber spiegeln solche Regulierungen oft Werte und Traditionen wider – und genau das macht die Verhandlungen so kompliziert. 

Und auch das transpazifische Pendant TTP kommt nicht wie geplant zustande. Das verhandeln die USA unter Präsident Barack Obama ab 2008 mit elf weiteren Staaten des indo-pazifischen Raums, darunter wichtige Handelsnationen wie Japan, Australien und Vietnam. 

27 O-TON (Hilpert)

Und dann hat es Donald Trump 2017 als einer seiner ersten Amtshandlungen vom Tisch gewischt.

SPRECHERIN

Weil es laut Trump in den USA Arbeitsplätze vernichten würde. Die übrigen Staaten unterzeichnen das Handelsabkommen aber. (Und auch China erwägt seitdem beizutreten.) Insgesamt betrachtet, ist es also eine gemischte Gemengelage: Die WTO-Runden kommen nicht voran und einige interkontinentale Handelsabkommen wie TTIP sind gescheitert – aber gleichzeitig geht die wirtschaftliche Integration innerhalb der Kontinente, zum Beispiel in Asien oder in Afrika, tendenziell weiter. Zugleich nimmt der weltweite Handel mit Dienstleistungen, zum Beispiel mit Software, stetig zu. Es ist vor allem Warenhandel, wo die Liberalisierung ins Stocken geraten ist. Auch noch aus einem anderen Grund:

28 O-TON (Hilpert)

Es ist vielleicht auch ne Grenze erreicht, wie man Lieferketten ausbauen kann. Und Lieferketten über verschiedene Stationen sind auch riskanter.

SPRECHERIN

Das zeigt sich insbesondere während der Corona-Pandemie. Beispiel China: Nachdem das Land während der Pandemie einige Städte regelrecht abriegelt, kommt es hierzulande plötzlich zu Lieferengpässen. Firmen können nicht mehr produzieren, sogar einige Medikamente werden knapp. 

29 O-TON (Schmucker)

Da haben wir dann zum ersten Mal gesehen, okay, wir sind alle abhängig von China. Und in dem Moment, wo der Shanghaier Hafen blockiert ist, bekommen wir plötzlich gar nichts mehr. 

SPRECHERIN

Auch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der nachfolgende Einbruch der Öl- und Gaslieferungen hat gezeigt, wie problematisch es sein kann, derart von anderen Staaten abhängig zu sein. Deshalb geht es seitdem darum, Lieferketten zu diversifizieren. Resilienz und De-Risking sind die Schlagwörter der Stunde. Denn insgesamt haben die geopolitischen Risiken stark zugenommen. Erst recht, seitdem Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit Zölle als außenpolitisches Druckmittel nutzt, als Verhandlungsmasse für seine „Deals“. 

Musik 10

"Whokiller" - Ausführender: Disasterpeace - Album: Bodies Bodies Bodies (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Richard Louis Vreeland - Länge: 0'30

SPRECHERIN

Und trotzdem kann man festhalten: Auch wenn der Protektionismus wieder zunimmt und heftige Debatten über Strafzölle – von einer Rückabwicklung der weltweiten Arbeitsteilung, von einem Ende des Freihandels kann keine Rede sein. 

30 O-TON (Hilpert)

Es ist nicht so, dass der Welthandel schrumpft oder stagniert. Er wächst noch, aber er wächst sehr viel langsamer.


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