Treue - Vom Wert der Loyalität
Treue in Beziehungen klingt in den Ohren mancher Menschen beinahe antiquiert. Ist der moderne Mensch doch frei, selbstbestimmt und unabhängig. Und wieso sollte er das dann nicht auch in seinen Beziehungen sein?Natürlich waren sich Menschen in allen Zeiten zeitweise oder auch grundsätzlich untreu. Aber nur weil das so ist, muss das nicht heißen, dass die Treue wertlos geworden ist. Von Andreas Hauber (BR 2024)
VON: Andreas Hauber
Ausstrahlung am 1.4.2025
SHOWNOTES
Credits
Autor dieser Folge: Andreas Hauber
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Dr. Victor Chu, Arzt und Diplom-Psychologe, Kirchzarten;
Dr. Nikolaus Buschmann, Historiker, Soziologe, Politikwissenschaftler, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg
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Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne (Hg. mit Karl Borromäus Murr). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008.
Die Erfindung der deutschen Treue. Von der semantischen Innovation zur Gefolgschaftsideologie. In: Nikolaus Buschmann / Karl Borromäus Murr (Hg.): Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, S. 75-109.
Georg Simmel Treue – Ein sozialpsychologischer Versuch,In: Der Tag, Nr. 225, 10. Juni 1908, Berlin, 1908.
Dr. Chu, Victor: Von der schwierigen Kunst treu zu sein – Warum wir betrügen, was wir lieben, München, Kösel Verlag, 2008.
Krüger, Wolfgang: Treue - Der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren, Norderstedt, BoD 2019.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Sprecherin:
Es gibt diese Geschichte von Hachiko (ausgesprochen: Hadschiko), einem japanischen Akita Hund. Sein Herrchen war Professor an der Universität Tokio und fuhr jeden Morgen mit dem Zug zur Arbeit. Hachiko begleitete ihn täglich bis zum Bahnhof und holte ihn dort auch wieder ab. Am 21. Mai 1925 jedoch starb der Professor während seiner Vorlesung an einer Hirnblutung und kam nicht mehr nach Hause. Hachiko aber wartete weiter. Zehn Jahre lang kam er bis zu seinem eigenen Tod jeden Tag zum Bahnhof und hoffte auf sein Herrchen. Er wurde schon zu Lebzeiten in ganz Japan bekannt. Als er gestorben war, errichtete man ihm eine Statue. Hachiko gilt als das Sinnbild für Treue.
Sprecher
Die Geschichte wurde mehrmals verfilmt. Am bekanntesten ist die anrührende Adaption „Hachi – a dogs tale“ des Regisseurs Lasse Hallström, der die Handlung in die USA verlegt hat. Der Film ist sehr bewegend und wer ihn sieht ist ergriffen von diesem Hund und seinem Verhalten.
Sprecherin
Das ist nicht sehr verwunderlich. Denn wünschen wir uns das nicht alle? Einen Gefährten, der bei uns bleibt. Der uns annimmt, wie wir sind. Der uns nicht vergisst auch über den Tod hinaus. Der eben treu ist …
Musik: The second dance 0‘20
(leichtes Zögern) Aber ... was ist das eigentlich: Treue? Geht es dabei wirklich um die bedingungslose Hingabe, die ein Hund in der reinsten Form geben kann? Oder ist es nicht etwas komplizierter und vielschichtiger? Schauen wir doch mal genauer hin...
Sprecher
Von seiner Grundbedeutung her meint das Wort Treue: „fest“, „teuer“ oder „tapfer sein“. Verwandt mit der Treue sind Wörter wie „Vertrauen“, „Zutrauen“ oder jemandem etwas „anvertrauen“. Auch das englische Wort für wahr: „true“ ist mit der Treue verwandt.
O-Ton 1 Chu
Treue hat ja den Wortstamm von Wahrheit – von true- und das bedeutet eigentlich, dass man wahrhaftig gegen sich selber und gegenüber seinem Gegenüber – Beziehungspartner/ Partnerin – ist.
Sprecherin
Der Arzt und Diplom- Psychologe Dr. Victor Chu hat sich in einigen Büchern mit der Treue beschäftigt.
O-Ton 2 Chu
Das beinhaltet also Wahrhaftigkeit, auf der anderen Seite aber auch Bindung. Bindung zu einem Verhältnis zwischen den beiden.
Sprecherin
Treue selbst und alle Bereiche, die sie berührt, betreffen zunächst einmal unser Innerstes: Wahrheit, Vertrauen, Bindung. Da geht es um Grundbedürfnisse des Menschseins. Treue ist also offenbar etwas sehr Intimes.
Musik: Loved ones 0‘29
Sprecher
Vermutlich denken wir deshalb bei dem Wort „Treue“ zuerst immer an eine Liebesbeziehung. Treue ist noch in ganz anderen Bereichen wichtig -dazu kommen wir noch- aber bleiben wir erst einmal bei der Liebe, denn hier ist Treue unmittelbar erfahrbar und spürbar.
Sprecherin
Ein Treueverhältnis hat drei Elemente: Zwei Partner und etwas drittes, das die beiden verbindet.
O-Ton 3 Chu
(Und) Treue bedeutet dann, dass man wahrhaftig ist zu sich selber und zu dem anderen und gleichzeitig eben zu dem Dritten. Zu dem dritten Sachverhalt, worauf sich beide geeinigt haben. (…) Das dritte wäre beispielhaft: wir heiraten und leben zusammen (…)
Sprecher
Zwei Menschen einigen sich auf etwas. Sie treffen eine Entscheidung und gehen ein Treueverhältnis ein. Ganz unromantisch ausgedrückt: Sie schließen einen Vertrag.
Zitator
Der Soziologe Georg Simmel hat die Treue deshalb „Pflicht aus Liebe“ genannt.
Sprecherin
Der Historiker, Soziologe und Politikwissenschaftler Dr. Nikolaus Buschmann, dessen Stimme hier nachgesprochen ist, hat über die Treue aus historisch-soziologischem Blickwinkel gearbeitet.
Zitator
Treue ist für Simmel eine Art „Beharrungsvermögen der Seele“, das auch dann noch wirksam ist, wenn der Impuls, der zu einer zwischenmenschlichen Bindung geführt hat, nicht mehr so stark ist, dass er die Bindung aufrechterhalten könnte.
Musik: Orphans 0‘21
Sprecher
Treue hängt immer mit einer bewussten Entscheidung zusammen und ist auf die Verstetigung einer Beziehung angelegt. Man bekennt sich zueinander, auch wenn es nicht gut läuft, darum heißt es ja auch bei der Hochzeit: „In guten und in schlechten Zeiten“.
Zitator
Das zeigt auch der Umstand, dass Treueverhältnisse mit einem Eid oder zumindest mit einem Versprechen begründet werden, nicht selten unter Berufung auf Gott, der gleichsam als Zeuge oder auch bestrafende Instanz fungiert.
Sprecherin
Zwei Partner entscheiden sich frei füreinander und für das gemeinsame Projekt Beziehung. Die Freiwilligkeit ist dabei entscheidend. Zur Treue kann man nicht gezwungen werden.
Sprecher
Bei einer Liebesbeziehung handelt es sich – wenn wir die emotionalen Motivationen einmal zurückstellen - also im Grunde um eine freiwillige Selbstverpflichtung. Und diese findet in einem sensiblen Spannungsfeld statt.
O-Ton 5 Chu
(...) dieses Feld ist außerordentlich differenziert und tief. Dann begibt man sich in ein Feld zwischen Liebe – Hass, zwischen Bindung und Freiheit, das sind alles Polaritäten, zwischen „sich Abgrenzen“ und „Entgrenzen“.
Musik: Home is with me 0‘25
Sprecherin
Wir Menschen haben einerseits ein tiefes Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Sicherheit und Vertrauen. Vermutlich ist das von frühster Kindheit an in uns angelegt. Als Säugling sind wir vollkommen abhängig und auf einen geschützten Raum, in dem wir wachsen können und auf Menschen, denen wir unbedingt vertrauen können, angewiesen.
O-Ton 6 Chu
Ich glaube, es liegt an der menschlichen Natur, dass wir tatsächlich nach der Intimität suchen. Dass das eine große Sehnsucht ist, also Nähe, Verständnis, Mitgefühl, dass wir doch danach suchen und uns sehnen. (…)
Sprecherin
Andererseits haben wir – heute vielleicht mehr denn je – das Bedürfnis nach Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.
Diese beiden Pole können leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn der eine Partner mehr Freiheit, der andere mehr Nähe braucht. Wenn Eifersucht oder Misstrauen ins Spiel kommen.
Musik: A glimmer of hope 0‘36
Sprecher
Diese Schwankungen und Konflikte kennt jeder, der schon einmal eine ernsthafte Beziehung gehabt hat. Sie sind bis zu einem gewissen Grad normal und gehören dazu. Mit der einmal getroffenen Entscheidung ist es nicht getan. Eine Beziehung erfordert auch Arbeit. Vor allem, weil wir uns verändern. Nach einer gewissen Zeit ist der Partner oder die Partnerin nicht mehr genau derselbe Mensch, der er oder sie zu Beginn gewesen ist. Es ist also wichtig, dass eine Beziehung nicht starr ist.
O-Ton 7 Chu
Und jetzt führ ich vielleicht noch einen anderen Faktor rein: Flexibilität. Also Anpassungsfähigkeit, also ob man nur ein ganz bestimmtes Konzept von Beziehung hat oder haben will, oder ob man flexibel genug ist, ob man diesen Vertrag, den man anfangs miteinander geschlossen hat, ob man diesen Vertrag abändern kann, modifizieren kann, anpassen kann.
Sprecherin
Hier zeigt sich wieder die Wahrhaftigkeit. Es ist wichtig zu wissen und zu formulieren, was ich will und brauche, dass ich meine Bedürfnisse und Wünsche kenne, und dass ich die des Partners höre und akzeptiere.
Musik Unfolding feelings (a) 0‘35
Sprecher
Das hört sich schön an und leuchtet ein. Aber es ändern sich ja nicht nur die Persönlichkeiten in einer Beziehung, sondern auch die Verhältnisse. Man hat sich etwas aufgebaut, einen gemeinsamen Freundeskreis, ganz konkret materiell vielleicht ein Haus. Vielleicht hat man Kinder, die dann auch einen Anspruch auf die Erfüllung des von den Eltern geschlossenen Vertrages haben. Die sogar davon abhängig sind, dass das elterliche Verhältnis funktioniert.
Man wächst über die Jahre immer mehr zusammen, es wird immer schwerer die eigene Persönlichkeit frei zu entfalten.
Sprecherin
Ganz besonders brisant wird es, wenn es um Sexualität geht. Sie ist der sensibelste Bereich einer Beziehung. Letztendlich ist, wenn von Treue in einer Beziehung die Rede ist, die Sexualität gemeint. Wenn jemand sagt, dass der Partner untreu ist, dann heißt das, dass er mit jemand anderem schläft.
Sprecher
Warum ist das eigentlich so? Wir haben doch festgestellt, dass alles was mit Treue zusammenhängt unser Innerstes angeht. Es geht um Sicherheit, Vertrauen, Geborgenheit. Alles Dinge, die man auch in Freundschaften finden kann.
Wieso ist man nicht untreu, wenn man einen besten Freund hat, wohl aber bei einem Seitensprung? Wozu diese Fokussierung auf die Sexualität? Ist sie nicht nur ein Aspekt von vielen?
Musik Fragile life 0‘40
Sprecherin
In der Tat gibt es immer mehr Menschen, die so denken und es gibt auch immer mehr Beziehungskonzepte, die die Sexuelle Exklusivität zwischen Partnern auflockern wollen. Es mag sein, dass der monogame Ansatz stark kulturell, besonders von Kirchlichen Wertvorstellungen geprägt ist und durchaus auch hinterfragt werden kann. Und es spricht nichts dagegen, dass zwei Partner, wenn sie es können, in ihrer Beziehung eine sexuelle Offenheit integrieren. Dennoch darf man nicht übersehen, dass in der sexuellen Untreue die größte Gefahr für eine intime Vertrauensbeziehung liegt. Dr. Victor Chu:
O-Ton 8 Chu
Sexualität kann man ja oberflächlich begreifen als Lustgewinn, als Abfuhr von sexueller Energie, oder eben, man kann in der Sexualität etwas erleben, was man sonst eben nicht oder nie erlebt, also ne Hingabe, ein sich Fallenlassen.
Sprecher
Schläft man wirklich mit jemandem, so ist man nicht nur körperlich nackt voreinander. Der Sex geht irgendwie das ganze Wesen an. Nicht umsonst spricht man hier oft von Verschmelzung, Vereinigung oder Hingabe.
O-Ton 9 Chu
D.h. wenn wir Sexualität erleben mit einem anderen, dann entsteht eine ganz neue Bindung, und zwar eine sehr exquisite, eine sehr intensive Verbindung und Bindung zu diesem Menschen. (...)
Sprecherin
Das ist etwas Wunderbares. Und man könnte fragen, warum das nicht jeder Mensch so oft wie möglich erleben sollte. Aber wenn man zugleich das Bedürfnis nach einer tiefen, geschützten und intimen Beziehung hat und in einer lebt, wird es schwierig.
O-Ton 10 Chu
Und das Gefährliche eben - wenn einer der Partner sich einlässt auf jemand anderes - ist, dass so etwas entstehen könnte, was eine ganz tiefe intime Beziehung darstellt. Und dann wird die ursprüngliche Beziehung in Frage gestellt. (...)
Musik: Sanzhi Pod City 0‘23
Sprecher
In der Sexualität liegt also tatsächlich die größte Gefahr für eine Beziehung. Vor allem, weil ein sexueller Seitensprung meist aus einer Situation der Unzufriedenheit in der bestehenden Beziehung heraus entsteht. Die ist ohnehin schon geschwächt.
Sprecherin
Egal was die Beweggründe sind, sich sexuell auf einen anderen einzulassen. Das Ergebnis ist nicht vorhersehbar. Man weiß nicht, was daraus entsteht. Nicht direkt die Befriedigung der körperlichen Lust ist das Problem.
Sondern wir haben Angst davor, dass unser Partner uns betrügt - und sind am meisten verletzt, wenn er es tut -, weil es hier am wahrscheinlichsten ist, dass er uns verlässt und das gemeinsame Vertrauensverhältnis somit zerstört wird.
Musik: Glück 0‘40
Sprecher
Die Sehnsucht nach Treue entspringt aus unserem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Bindung und Verlässlichkeit. Sie steht in dem Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freiheit, zwischen Selbstbestimmung und Unterordnung. Ein gültiges Treuebündnis kann nur auf Augenhöhe und aus freier Entscheidung heraus getroffen werden. Es ist auf Gegenseitigkeit angelegt. Das alles kann man an einer Liebesbeziehung gut ablesen. Aber Treue ist nicht nur hier relevant.
Sprecherin
Treue taucht in allen möglichen Bereichen auf. Ganz simpel zum Beispiel im Supermarkt. Überall bekommt man einen Treuebonus oder Treuepunkte. Firmen wollen ihre Kunden an sich binden.
Sprecher
Ernsthafter wird es, wenn es um große Gemeinschaften geht. Das können Firmen, Vereine, Verbände oder Parteien sein. Sie alle haben ein Interesse daran, dass ihre Mitglieder treu, oder besser: loyal sind. Ebenso wie der ganze Staat, der im Grunde auch auf ein Treueverhältnis mit seinen Bürgern angewiesen ist. Zitat: Dr. Nikolaus Buschmann:
Zitator (Buschmann)
Allgemein gesprochen benötigt jedes Gemeinwesen ein Bindemittel, das für Stabilität und Dauerhaftigkeit sorgt. Entscheidend für die politische Verfassung eines Gemeinwesens ist jedoch das, was man die implizite Normativität dieses Bindemittels nennen könnte: In einer offenen, demokratisch verfassten Gesellschaft bedarf es staatsbürgerlicher Loyalität, die von der Vorstellung getragen ist, dass Konflikte friedlich und regelgeleitet zwischen gleichberechtigten Staatsbürgern ausgetragen werden.
Musik: Complex questions 0‘19
Sprecherin
Staatsbürgerliche Loyalität kann man in unserer modernen Gesellschaft in etwa mit „Gesetzestreue“ übersetzen. Sie basiert darauf, dass sich beide Seiten, also der Staat wie seine Bürger, an den demokratisch legitimierten Rechtsstaat halten und ihm verpflichtet sind.
Sprecher
Das dritte, von dem wir eingangs bei der Beziehung gesprochen haben, ist hier also die Einigung auf den Rechtsstaat, der jeder Seite garantiert, dass ihr Recht und ihre Würde gewahrt bleiben. Konflikte werden friedlich ausgetragen und ausgehandelt.
Sprecherin
Das ist nicht so selbstverständlich und auch nicht so einfach. Treue und Loyalität sind ein hohes Gut, bewegen sich aber auf einem schmalen Grat. Gerade in den letzten Jahren hat die Protestkultur in Deutschland ganz neue Formen angenommen.
Musik: Foreboding of war (reduziert)
Vor allem Akteure aus dem rechten Spektrum treten immer mehr in Erscheinung. Sie lehnen den Staat als illegitim ab und fühlen sich ihm nicht verpflichtet. Der Ton wird rauer.
Sprecher
In Israel gingen im Jahr 2023 Millionen Menschen auf die Straße, um gegen eine geplante Justizreform zu protestieren. Weil sie die berechtigte Gefahr sahen, dass die Regierung den Rechtsstaat zu ihren eigenen Gunsten aufweicht, was einen Bruch des Treueverhältnisses zu ihren Bürgern darstellt.
Sprecherin
Von beiden Seiten kann das Treueverhältnis bedroht sein. Deshalb ist ein funktionierender Rechtsstaat, der sich bei uns in Deutschland am Grundgesetz orientiert, so wichtig und es gilt ihn zu schützen. Er gewährleistet, dass sich die beiden Partner auf Augenhöhe begegnen und Konflikte friedlich ausgetragen werden können.
Musik: Pensive pondering 0‘25
Sprecher
Ist ein demokratisch legitimierter Rechtsrahmen nicht gegeben, so kippt das ganze Gefüge: Die Augenhöhe geht verloren, das Machtgefälle ändert sich und der Begriff Treue bekommt eine ganz andere Bedeutung. Das musste die Menschheit in der Zeit des Nationalsozialismus leidvoll erfahren.
O-Ton 12 Treueeid
Wir kommen zum Eid:
Ich schwöre Dir, Adolf Hitler
Alle: Ich schwöre Dir, Adolf Hitler
Als Führer und Kanzler des Reiches
Alle: Als Führer und Kanzler des Reiches
Treue und Tapferkeit
Alle: Treue und Tapferkeit
Ich gelobe Dir und den mir von Dir bestimmten Vorgesetzten
Alle: Ich gelobe Dir und den mir von Dir bestimmten Vorgesetzten
Gehorsam bis in den Tod
Alle: Gehorsam bis in den Tod
Sprecherin
„So wahr mir Gott helfe“, so endet dieser Treueschwur, den die Mitglieder der SS auf Hitler leisten mussten. Im Führerstaat der Nationalsozialisten war alles, was wir über Treue und Loyalität gehört haben, ausgehebelt.
Zitator
Treue ist immer an wechselseitige Bedingungen geknüpft, auch wenn sie asymmetrisch ist, also ein Machtgefälle konstituiert, wie in einer Monarchie. So kann beispielsweise die Verpflichtung auf Gehorsam und Unterordnung an Schutzverpflichtungen oder Fürsorgeleistungen gebunden sein. Im nationalsozialistischen Herrschaftsverständnis wurde dagegen unter Treue bedingungsloser Gehorsam verstanden, was nichts anderes bedeutet als totale Unterordnung unter den Willen eines Führers.
Musik: Foreboding of war (reduziert) 0‘41
Sprecher
Es ist auch heute, beinahe 80 Jahre nach Kriegsende noch erschreckend, wie erfolgreich die Nationalsozialisten darin waren, den größten Teil des Volkes unter diesen Gehorsam zu stellen. Treue und Gehorsam wurden idealisiert, romantisiert und für die Ideologie der Rassegemeinschaft missbraucht. „Unsere Ehre sei Treue“ war der Wahlspruch der SS. In Propagandafilmen und Liedern wurde den Menschen der unbedingte Gehorsam immer wieder eingetrichtert. Wie in einem von Franz Baumann getexteten Lied für die Nürnberger Reichsparteitage:
O-Ton 13 Lied: Deutschland Du Land der Treue
Deutschland Du Land der Treue
Oh, Du mein Heimatland
Dir schwören wir aufs neue
treue mit Herz und Handlung
Strahlend erstehst Du wieder
Herrlich nach banger Nacht.
Jubelt ihr deutschen Brüder
Deutschland ist neu erwacht
Hakenkreuzfahnen
Schwarz, weiß und rot
Grüßen und mahnen:
Seid getreu bis zum Tod!
Sprecherin
„Seid getreu bis zum Tod“ – wenn man das heute hört, wird es einem ganz anders. Aber das war staatliches Programm und Propaganda, die verfing. Gepaart mit dem schon genannten nationalsozialistischen Rassenwahn führte der bedingungslose Gehorsam eines Großteils der Bevölkerung in den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg, der bis zu 80 Millionen Menschen das Leben kostete.
Musik: Dark operation red. 0‘22
Sprecher
Im Nationalsozialismus wurde der Begriff der ‚Treue‘ korrumpiert und missbraucht.
Und im Zusammenhang mit Staat und Gesellschaft hat er seither einen gewissen Beigeschmack. In Deutschland wird er heute hauptsächlich in Kreisen der Neuen Rechten noch - oder besser - wieder benutzt.
Zitator
Wenn heutzutage Treue gegenüber einem politischen oder militärischen Führer gefordert wird, ich denke etwa an Putin oder Trump, handelt es sich um Ideologien, die sich gegen das Prinzip des Rechts- und Verfassungsstaates richten. Um hier noch einmal auf die Unterscheidung zwischen Treue und Loyalität zurückzukommen: Ein demokratisches Gemeinwesen ist auf staatsbürgerliche Loyalität zu den grundlegenden Normen angewiesen, die das Gemeinwesen ausmachen. Treue und Gehorsam gegenüber einer Person oder einer Volksgemeinschaft einzufordern, ist dagegen ein Kennzeichen autoritärer, faschistischer oder totalitärer Gesellschaften.
Musik: Talking to my father 0‘31
Sprecherin
Die Treue geht unser Innerstes an. Das Verlangen nach ihr entspringt unserer Sehnsucht nach Geborgenheit, aber auch aus unserem Recht darauf.
Im öffentlichen Bereich geht es um Heimat und Zugehörigkeit, im Privaten um eine geschützte, intime Beziehung. Aber ob im Großen oder im Kleinen, Treue bewegt sich immer zwischen zwei Polen und kann leicht in die eine oder andere Richtung abrutschen.
Sprecher
Treue und Loyalität sind hohe Werte. Sie sind unerlässlich für das Funktionieren einer Beziehung oder einer Gesellschaft. Nur wenn man sich aufeinander verlassen kann, lässt sich etwas Gemeinsames aufbauen. Aber die Treue ist kein Selbstläufer. Sie fordert eine gewisse Anstrengung von allen ein und braucht vor allem einen Rahmen und Regeln. Das ist auf der Staatsebene nicht anders als in der Liebe.
Besonders aus der Erfahrung des Nationalsozialismus heraus hat sich in Deutschland ein funktionierender demokratisch legitimierter Rechtsstaat etabliert, in dem auch die Möglichkeit mitgedacht ist sich gegen Missstände zu wehren. Allerdings ist es wichtig darauf zu achten, wogegen sich Protest richtet.
Staatsbürgerliche Loyalität wird nicht gegenüber den jeweiligen politischen Akteuren gefordert. Sondern gegenüber einer Staatsform, die diesen Protest ermöglicht.
Musik: Treats from cate 0‘44
Sprecherin
So schön die Geschichte von Hachiko, dem treuen Akita Hund auch sein mag.
Seine Art der Treue ist sicher nicht für uns Menschen erstrebenswert.
Denn wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch in der Liebe keinen Partner, der sich uns vollkommen unterordnet. Ebenso wenig wollen wir einen Staat, der sich zum Herren über uns aufschwingt und unsere Rechte beschneidet.
Treue ist etwas sehr Wichtiges und Grundlegendes. Aber sie muss auch auf etwas zielen, für das es sich lohnt, treu zu bleiben.