Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop
Vom Fernsehprogramm der NS-Zeit wissen die wenigsten. Zum geliebten und gescholtenen Massenmedium und Fixpunkt des Familienlebens wurde "die Glotze" dann ab der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Fernsehen hat sich und die Gesellschaft beständig verändert und unseren Alltag entscheidend geprägt. Von Karin Becker (BR 2024)
VON: Karin Becker
Ausstrahlung am 31.3.2025
SHOWNOTES
Credits
Autorin dieser Folge: Karin Becker
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Christian Baumann, Florian Schwarz
Technik: Tim Höfer
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Michaela Krützen, Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München;
Klaudia Wick, Bereichsleiterin Fernsehen bei der Deutschen Kinemathek Berlin
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Linktipps:
Am 25. Januar 1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet. Seitdem ist viel passiert. Ein bunter Ritt durch 75 Jahre Programm für Bayern:
ZUR JUBILÄUMS-WEBSITE
Literaturtipps:
Bundeszentrale für politische Bildung: Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West. Umfangreiches Online-Dossier, das die TV-Geschichte in beiden deutschen Staaten zuverlässig in vielen (auch einzeln lesbaren) Kapiteln abbildet.
Klaudia Wick: Je später der Abend. Über Talkshows, Stars und uns. Interessanter Beitrag zur Formatgeschichte.
Knut Hickethier, Peter Hoff: Die Geschichte des deutschen Fernsehens. Überblick über das 20. Jahrhundert.
Albert Abramson: Die Geschichte des Fernsehens. Standardwerk, insbesondere frühe TV-Geschichte, internationale Perspektive.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Geräusch TV einschalten + MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15
OTON 1 WICK
„Es gibt ja auch Erzählungen noch bis in die 60er-Jahre hinein, dass Leute gesagt haben: wir waren dann ab dem Moment, wo wir einen Fernseher hatten, in der Nachbarschaft sehr beliebt. Und dann kamen die Leute und klingelten so kurz vor acht und wollten was von uns, weil sie eigentlich gerne mitgucken wollten … (…)“
MUSIK ENDE
ZUSPIELER 1 Tagesschau Spot von 1960 (15‘‘)
„Hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Anschließend: die Wetterkarte.“
OTON 2 WICK
„Das Interessante ist in den 60er-Jahren, dass die Leute anfangen, ihre Lebensrhythmen nach dem Fernseher auszurichten. Also das, was wir in Deutschland kennen, ist ja gar nicht überall auf der Welt so, dass um 8 Uhr das Abendprogramm anfängt. Das hat einfach was damit zu tun, dass die Tagesschau um 8 Uhr angefangen hat und dass die Leute sozusagen ‚davor und danach‘ gesagt haben. Was machen wir mit dem Abend? Davor essen wir zu Abend und danach gucken wir Fernsehen.“
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:32
SPRECHER
Das Fernsehen als Taktgeber des Alltags – in heutigen Zeiten rückt diese Vorstellung immer weiter in geschichtliche Ferne. Dank Internet können wir mittlerweile das Programm genau dann beginnen lassen, wenn wir Zeit dazu haben.
Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin spricht über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Fernsehgerät im Wohnzimmer neu ist und sich schnell und unübersehbar im deutschen Alltag breitmacht.
MUSIK ENDE
OTON 3 WICK
„Es gibt auch viele soziologische Texte darüber, dass die Möbel im Wohnzimmer sich veränderten, dass eben plötzlich der Fernseher eigentlich das Lagerfeuer war, um das sich alle herumgruppiert haben. Dass es eben nicht mehr diese geschlossene Sitzgruppe gibt, in der wir uns anschauen, sondern: alle schauen auf diesen Fernseher.“
ZUSPIELER 2 Jingle von „Was bin ich“ (instrumental) 35‘‘ (ÜBERBLENDUNG MIT FOLGENDEM SPRECHERTEXT)
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15
SPRECHER
In diesem Fernseher gibt es schon in den Fünfzigern die ersten Spiel- und Quizshows zu sehen – in Ost wie West. Der Bayerische Rundfunk etwa produziert: „Was bin ich?“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, Erstsendung 1955. „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“ Lembkes Frage wird bald legendär.
MUSIK ENDE
Das Fernsehen als „Lagerfeuer“ der Wirtschaftswunderzeit bietet den Gemütern Abkehr vom Krieg. Es bedeutet Zukunft, Leichtigkeit und Wohlstand.
Es wird verspottet als „Pantoffelkino“, später geschmäht als „Glotze“. In der DDR ist es in Verruf als bekanntermaßen langer Arm des Politbüros der Staatspartei SED.
Dennoch: Das Fernsehen legt in ganz Deutschland ab den Sechzigern einen historischen Aufstieg hin, es wird zum wirkmächtigen Massenmedium.
ENDE INTRO
SPRECHER
Von einer „schnellen“ Erfolgsgeschichte aber kann hier nicht die Rede sein. Die ersten technischen Versuche, ein Bild zu zerlegen und an einen entfernten Ort zu übertragen, gehen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück.
Diese fernsehtechnischen Anfänge wurden von einer Vision getragen, die mit der späteren Nutzung nur bedingt zu tun hat, so Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München:
OTON 4 Krützen
„Die Idee, die da im neunzehnten Jahrhundert kam, ist die Direktübertragung. Nicht irgendwie, wofür wir heute das Fernsehen vielfach nutzen, um eine Kochsendung anzugucken oder Nachrichten, sondern eigentlich: mit anderen sprechen. Andere sehen. Also die Direktübertragung. Das ist der Traum, der dahintersteht. Das ist die Ur-Idee (…) des Fernsehens.“
SPRECHER
Die technische Umsetzung dieser Idee zieht sich über Jahrzehnte. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, treiben sie die Entwicklung der Fernsehtechnik stark voran. Ihr Ziel ist Propaganda: Sie wollen den ersten, regelmäßigen Fernsehbetrieb der Welt für sich reklamieren können. Tatsächlich gelingt das: Im März 1935 beginnt der „Fernsehsender Paul Nipkow“ vom Berliner Funkturm live auszustrahlen, fast ein Jahr vor der BBC in Großbritannien. Mit entsprechend triumphalen und pathetischen Worten eröffnet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das Programm:
ZITATOR
„Während wir hier im Saale atemlos lauschen und schauen, hat die Zeit eines neuen, unbegreiflichen Wunders begonnen. (…) In dieser Stunde wird der Rundfunk berufen, die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“
SPRECHER
Die Realität dieses „neuen, unbegreiflichen Wunders“ fällt dann allerdings eher karg aus. Das beginnt schon damit, dass verschwindend wenige Leute das Fernsehen überhaupt zu sehen bekommen.
OTON 5 Krützen
„Von einer nationalen Verbreitung sind wir ganz, ganz, ganz, ganz weit entfernt. Ein paar wenige Leute konnten im Dritten Reich fernsehen. Und es war eher so eine Attraktion, als wirklich ein Massenmedium.“
SPRECHER
An anfangs drei Abenden die Woche gibt es damals zwei Stunden Programm – und das zunächst nur in Berlin. Zudem stehen die Fernsehgeräte noch nicht in den Wohnzimmern. Michaela Krützen:
OTON 6 Krützen
„Zuhause hatte praktisch niemand einen sogenannten Heimfernseher. Das sind ein paar Dutzend Geräte, 75 oder so was, so ungefähr um 37. Das ist praktisch nichts. (…) Eigentlich haben die Menschen in sogenannten Fernsehstuben, ganz toller Begriff, Fernsehen geguckt. Da war freier Eintritt (…) und dann sah man halt auf so einem kleinen Bildschirm vorne so ein kleines bisschen Programm, bisschen verrauscht. Ich habe da so einen Techniker daneben, der das ab und zu so justierte, dass man es genauer sehen konnte. (…) Stellen Sie sich ein etwa Schuhschachtel-großes Bild vor, relativ klein, (…). Das ist schwarz-weiß, und (…) ne Bildqualität, die eher im bescheidenen Bereich liegt. Also, das ist schon ein armes Bild im Verhältnis zum reichen Bild des Kinos.“
SPRECHER
In seinem ersten Sendejahrzehnt ist das Fernsehen ein unausgereiftes Medium und seinen zwei nächsten Verwandten Kino und Radio deutlich unterlegen.
Das riesige Propagandaspektakel der Nationalsozialisten um die olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin bietet dem Randmedium die Chance, etwas zu glänzen. In den 16 Tagen der Spiele werden um die 100.000 Menschen durch die Fernsehstuben geschleust. Das tägliche Live-Programm aus dem Olympiastadion macht das Fernsehen populärer – eine Funktion, die Sportveranstaltungen in der deutschen TV-Geschichte noch häufiger übernehmen sollten.
ZUSPIELER 3 kurzer Schnipsel: Reportage vom 4x100m Staffellauf
„Deutschland muss vor den Amerikanerinnen laufen, das ist ein kleiner Nachteil (Startschuss), davor Kanada, davor Holland, wunderbar! Die erste Deutsche losgegangen…“
SPRECHER
Propaganda hin oder her - von führenden Nationalsozialisten ist kein einziger Auftritt im verwaschenen Fernsehbild ihrer Zeit bekannt. Ein 1939 auf der Funkausstellung vorgestellter Volksfernseher für Zuhause kommt doch nicht – die Fertigungsanlagen werden nun für die Rüstungsproduktion benötigt. Der Krieg beginnt. Für einige Jahre werden die verbleibenden Fernsehgeräte in Lazaretten aufgestellt. Im November 1943 wird der Berliner Sender durch Bomben zerstört. Das NS-Projekt Fernsehen kommt zum Erliegen.
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:04
SPRECHER
Sprung ins Nachkriegsdeutschland. Der Neu-Start des Fernsehens wird wieder von einem Wettlauf vorangetrieben, diesmal zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR strahlt zu Stalins 73. Geburtstag im Dezember 1952 erstmals die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ aus. Offiziell startet der „Deutsche Fernsehfunk“ im Januar 1956, kontrolliert von der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der Staatspartei SED.
Im Westen haben die Alliierten den Rundfunk dezentral und öffentlich-rechtlich angelegt: Die über die BRD verteilten Landesrundfunkanstalten sind nichtstaatlich und nichtkommerziell. Sie schließen sich 1950 in der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland, zusammen und planen für das Fernsehen ein gemeinschaftliches Programm:
MUSIK ENDE
OTON 7 Wick
„Das war, glaube ich, tatsächlich den Kapazitäten geschuldet. (…) Sie müssen sich ja auch vorstellen, es musste Leute geben, die das überhaupt erst mal lernen, wie die Technik funktioniert, die Lust haben, was Neues zu machen. Viele haben gesagt: da in diesen neuen Kasten, (…) da glaube ich gar nicht dran. Es gab viele Leute, die nicht ans Fernsehen geglaubt haben. Und so hat man sehr viel improvisieren müssen.“
SPRECHER
Nach jahrelangem Testbetrieb und dem BRD-weiten Aufbau eines engen Sendernetzes wird am 1. November 1954 das ARD-Programm offiziell aufgenommen – das so genannte „Deutsche Fernsehen“ startet sein Gemeinschaftsprogramm. Der Bayerische Rundfunk bestückt seinen ersten Abend unter anderem mit dem Singspiel „Gärtnerin aus Liebe“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine für die Zeit nicht untypische Wahl, so Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin:
OTON 8 Wick
„Das ist auch etwas, was wir, glaube ich, aus anderen Medienzusammenhängen kennen, dass man erst mal der Sache Glanz verleihen will, indem man aus einem anderen Medium entlehnt und sagt: wir machen hier übrigens Kultur.“
SPRECHER
Auch beim Radio bedient sich das Fernsehen. Formate werden übernommen, und auch Personal: große Fernsehnamen der ersten Jahre, wie Peter Frankenfeld oder Hans Joachim Kulenkampff, kommen vom Hörfunk und sollen ihr Publikum am besten gleich mitnehmen. Denn Zuschauer und Zuschauerinnen gibt es in den Fünfzigern noch nicht viele:
OTON 9 Wick
„Wenn sie geschaut haben, haben sie meistens in einer Gruppe geschaut, in einer Kneipe oder vor der Fensterscheibe. Es gibt da ja zwei wichtige Ereignisse. Das ist einerseits die Fußball-Weltmeisterschaft in Bern, die viele Leute dann gesehen haben. Und dann die Krönung von Elisabeth II., was auch so ein Event war, wo man sagte: Ah, jetzt wäre es schon ganz schön, einen Fernseher zu haben“
SPRECHER
Dieser Fernseher kam in der Zeit gleich als eigenes Möbelstück daher, genannt „Fernsehtruhe“:
OTON 10 Wick
"Die Fernsehtruhe war ein Monstrum, das war so groß wie vielleicht mein Büroschreibtisch jetzt hier. (…) Und die Mattscheibe (…) wurde versteckt in einem Schrank, den man erst mal aufmachen musste. Also (…) wie das häufig so ist: Wenn Dinge Statussymbole sind, dann sollen sie auch schön aussehen. (…) Was ich sehr lustig finde. Die Statistik weist aus, dass in den ersten Jahren vor allem besondere Berufsgruppen einen Fernseher besaßen. Das waren die Radio- und Fernsehtechniker – da ahnen wir, warum. Dann war es die Kneipen- und Gaststättenbesitzer und als dritte Gruppe die Zahnärzte. Ich denke mir, dass die Zahnärzte (lacht nett) das aus Prestige gekauft haben (…) wer es zu was gebracht hatte, der hatte dann irgendwann einen Fernseher.“
SPRECHER
Schon im Jahr 1963 konnte der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter, den Millionsten Fernsehteilnehmer in Bayern beglückwünschen.
ZUSPIELER 4 der Millionste Fernsehteilnehmer in BY 1963 (ab Sek 41), (Gespräch zwischen Intendant, Moderatorin und Fernsehteilnehmer)
„Eine Million Fernsehgerätebesitzer in Bayern (…) bedeutet ja etwas. Und deshalb habe ich mich gefreut heute Herrn Kiessling eine Ehrengabe überreichen zu können. / Herr Kiessling, Sie haben 2000 Mark bekommen, das ist also eine ganze Menge Geld, was tun sie damit? / Ja, vorläufig kommen sie einmal auf ein Sparkassenbuch. Für die Kinder ist das gedacht, ne! / (…) Hören Sie gerne Nachrichten? / Ja, Nachrichten: alle Tage. / (…) Mich würde noch etwas anderes interessieren: in welchem Tempo wächst eigentlich die Zahl der Fernsehteilnehmer? (…) / In jedem Monat so ungefähr 10.000.“
SPRECHER
Das sich ausbreitende Fernsehen synchronisiert die Lebenswelten der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland: es drängt die Dialekte zugunsten eines einheitlichen Hochdeutsch zurück, es etabliert 20 Uhr als landesweite Grenze zum privaten Teil des Abends, und es bringt überallhin die exakt gleichen Sendungen, egal ob in die Stadt oder auf’s Land.
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:56
Nach Anfangsjahren mit genau einem Programm wächst das Angebot in den 1960ern. Das Bundesverfassungsgericht untersagt 1961 die Einrichtung eines staatlichen Fernsehprogramms, das die Regierung Konrad Adenauers plant – das Fernsehen soll Ländersache und öffentlich-rechtlich bleiben. Kurz darauf gründen die Ministerpräsidenten der Länder das Zweite Deutsche Fernsehen, ZDF. Programmstart ist 1963. Zudem beginnen die Landesrundfunkanstalten jetzt in ihren Regionen, eigene Programme auszustrahlen. Bayerischer und Hessischer Rundfunk sind im Jahr 1964 die ersten. Die neuen Dritten Programme werden als Kultur- und Bildungsfernsehen angelegt. Beispiel: Das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks:
MUSIK ENDE
ZUSPIELER 5 Telekolleg (1.12 Jingle Musik könnte über Text vorlappen)
„How do you do? Let’s learn english together! I am Paul Dine.“
SPRECHER
ARD, ZDF, Dritte: Ab Mitte der 60er gibt es Konkurrenz auf dem Fernsehmarkt und das Publikum hat die Wahl. Aber „gezappt“ wird noch nicht. Wer umschalten will, muss anfangs noch aufstehen. Denn die Fernbedienung kommt erst Mitte der 1970er Jahre.
SOUNDAKZENT UMSCHALTGERÄUSCH
SPRECHER
Im Jahr 1967 folgt ein weiterer Meilenstein der Fernsehgeschichte. Die Fernsehbilder werden farbig. In einem feierlichen Akt spricht der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin:
ZUSPIELER 6 Schmidt
„In der Hoffnung auf viele friedlich-farbige, aber auch spannend-farbige Ereignisse, über die zu berichten und die darzustellen sich lohnt (…) gebe ich jetzt gewissermaßen den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen.“ (Applaus)
MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:56
SPRECHER
Zu diesen Worten drückt Willy Brandt auf einen Knopf, um das Fernsehbild auf Farbe umzustellen. Der Knopf allerdings ist nur eine Attrappe und ein nervöser Techniker hat das Bild schon bunt gestellt, bevor Brandt überhaupt zudrückt. Eine Panne, die kaum jemand bemerken kann – denn die wenigsten haben in dieser Zeit farbfähige Fernseher zu Hause stehen. Das sollte sich allerdings schnell ändern. Fussballmannschaften besser auseinanderhalten zu können oder die olympischen Spiele 1972 in München in Farbe zu sehen – solche Wünsche verschaffen den neuen Geräten bald guten Absatz.
Die erste Sendung, die der Bayerische Rundfunk in Farbe ausstrahlt, ist übrigens „Was bin ich?“, aufgezeichnet unmittelbar auf der Berliner Funkausstellung 1967. Wie Robert Lembke gleich zur Begrüßung ankündigt:
MUSIK ENDE
ZUSPIELER (TC 03.09)
„Das ist übrigens ein einmaliger Exzess, schon bei der nächsten Sendung kehren wir reumütig zu Schwarzweiß zurück. Der Bayerische Rundfunk hat nämlich noch keine Farbelektronik. Im Übrigen ist Farbe schon eine feine Sache, auch wenn man im Lauf der Zeit draufkommen wird, dass es Schwarzweiß Sendungen gibt, die recht farbig, und bunte Sendungen, die ziemlich fad sind. Aber noch viel wichtiger, als das farbige Sehen wäre es ja, wenn wir uns das Denken in Schwarzweiß-Kategorien abgewöhnen und ein bisschen mehr Gefühl für Zwischentöne entwickeln könnten.“
Oton 11 Wick
„Was ich auch immer noch sehr lustig finde, ist, dass das Feuilleton geschrieben hat: Man wäre sich gar nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist mit der Farbe, weil in Schwarz-Weiß, sei das doch alles konzentrierter und viel kunstvoller. Also, das ist etwas, was sich ständig wiederholt und auch an anderen Medien sich zeigt, dass man immer sagt: früher war es auf jeden Fall besser. Erst ist das Fernsehen überhaupt nicht kulturell, und dann ist es nur kulturell, wenn es schwarz-weiß ist.“
SPRECHER
Im Jahr 1970 besitzen 68 Prozent aller bundesrepublikanischen Haushalte ein Fernsehgerät. Das Fernsehen tritt in die Phase seiner größten Wirkmacht ein, es wird zum Leitmedium der BRD.
OTON 12 Wick
„Dann kam die Zeit, die würde ich sagen bis in die 90er-Jahre hineingereicht hat, dass, wenn Sie eine Platte rausbringen wollten, wenn Sie Karriere machen wollten. (…) wenn Sie als Partei eine Wahl gewinnen wollten, dann müssen sie im Fernsehen sein, weil da alle Leute es mitbekommen. Und weil am nächsten Tag darüber geredet wird und sie deswegen auch die Kultur und die Gesellschaft, den gesellschaftlichen Diskurs prägen können.“
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:39
SPRECHER
Das Fernsehen der DDR genießt nicht das gleiche Vertrauen. Den Bürgerinnen und Bürgern ist der staatliche Einfluss aufs Programm des Deutschen Fernsehfunks wohlbewusst. So muss etwa das Pendant zur Tagesschau, die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, teils tagelang auf die Sprachanweisung aus dem Politbüro der SED warten, bis sie über ein Ereignis überhaupt berichten kann– in politisch gewollten Worten.
Doch auch das Fernsehen aus dem Westen, das in vielen Teilen der DDR empfangbar ist, beeinflusst implizit, was die Menschen im DDR-Fernsehen zu sehen bekommen:
MUSIK ENDE
OTON 13 Wick
„Weil ja Berlin mitten in der DDR lag, konnte man sehr viel Westfernsehen sehen, was dann wiederum das Fernsehen der DDR dazu gebracht hat zu sagen: das wollen wir natürlich nicht, sondern wir machen jetzt ganz ähnliche Programme. Und deswegen: es gab den Tatort. Und dann gab es den Polizeiruf im Osten. Es gab die großen Unterhaltungsshows im Westen. Es gab dann auch die großen Unterhaltungsshows aus dem Friedrichstadtpalast im Osten. Man hat schon versucht, in diesen ganzen Unterhaltungsformaten, Serien, Krimis, alles, was das Fernsehen eben populär gemacht hat, auch mitzuhalten und die Leute in den eigenen Äther zu ziehen.“
SPRECHER
Auch in der DDR wird das Fernsehen so zum Massenmedium, das die Gesprächsthemen und den Alltag der Menschen prägt. Vor der deutschen Wiedervereinigung beeinflusst es den Lauf der Geschichte sogar ganz unmittelbar.
OTON 14 Wick
„Ja, das ist natürlich auch ein eigener Bereich, nämlich die Frage, was das Fernsehen dazu beigetragen hat, dass bestimmte Ereignisse so waren und nicht anders waren. Und die Öffnung der Mauer ist ja etwas gewesen, was im Pingpong (…) zwischen DDR und BRD passiert ist. Die Leute haben das eigentlich in der Tagesschau gesehen, an diesem 9. November (…), dass die Mauer geöffnet worden ist, (…). Und wenn es diesen Tagesschau-Bericht nicht gegeben hätte, wären sie nicht an die geschlossene Mauer gegangen und hätten nicht in der Bornholmer Straße gesagt: Wir wollen jetzt aber rüber. (…) das Fernsehen, (…) hat sehr viel dazu beigetragen, dass diese friedliche Revolution so gewesen ist, wie sie gewesen ist.“
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:01
SPRECHER
Im wiedervereinten Deutschland findet sich eine noch einmal stark gewandelte Fernsehlandschaft. Die Vorgeschichte: Schon 1981 lässt das Bundesverfassungsgericht kommerzielle Fernsehprogramme zu, da die neuen Verbreitungstechnologien Kabel und Satellit nun die technischen Voraussetzungen für eine Vielfalt an Programmen geschaffen haben. Der Regierung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl kommt dies zupass – Kohl fühlt sich als Opfer eines „Meinungskartells“ der öffentlich-rechtlichen Sender und treibt den Ausbau der neuen Technik voran. 1984 nehmen dann die beiden ersten privaten Sender Deutschlands, Sat.1 und RTL plus, ihr Programm auf – können jedoch anfangs nur eingeschränkt empfangen werden. Die Umwälzungen, die das so genannte „Duale System“ aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern bringt, beginnen anderswo:
MUSIK ENDE
OTON 15 Wick
„Die bestehenden Sender ARD und ZDF hatten große Angst, dass jetzt etwas kommt, was sie aus Amerika ja kannten, nämlich das Privatfernsehen, das sehr laut, sehr lärmig, sehr, sehr reich auch ist, weil es ja werbegetrieben ist, und haben angefangen, ihr eigenes Programm zu verändern. Sozusagen in vorauseilendem Gehorsam und haben neue Spielkonzepte entwickelt. Haben andere Talkformate eingeführt, wurden selber, kurz gesagt, ein bisschen lärmiger.“
SPRECHER
Das „Duale“ System verändert das deutsche Fernsehprogramm tiefgreifend. So bringt es auch die Dritten dazu, sich auf das zu besinnen, was nur sie bieten können: Das Regionale. Ihr Programm beschäftigt sich nun verstärkt mit regionaler Identität und der Frage, was Heimat eigentlich ausmacht. Die Antwort darf auch kritisch ausfallen, wie die BR-Doku-Serie „Unter unserem Himmel“ beweist. Ein Ausschnitt aus ihrem legendären Architektur-Film „Der Jodlerstil“ von Dieter Wieland aus dem Jahr 1985:
ZUSPIELER 7 UNTER UNSEREM HIMMEL „Jodlerstil“
„Kennen’s das neue Bayern? Bayern im Landhausstil? Oberbayern? Hochglanzbayern? Superbayern? (…) 52Sek
Die Häuser mit der besonderen Oberweite. Unübersehbar viel Holz vor der Hüttn. Balkone wia für an Dampfer, sakrisch hergfräst, dass ma’s im Winter in Plastikfrischhaltebeutel einwickeln muss. Bayern griabig und mit viel Schmalz, Bayern rustikal. Die Häuser in der Lederhosen, Bayern im Jodlerstil.“ (1.17)
OTON 16 WICK
„Das war etwas, was man in den dritten Programmen machen konnte und was eben dann im ersten Programm schon weniger durchsetzbar war. Und das war für viele Leute ein wichtiger Hafen, um Programm zu machen, das wir heute eben in den Museen auch sammeln und das wir für Kulturerbe halten und das eben da eine Nische gefunden hat.“
SPRECHER
Das Privatfernsehen selbst wird in Deutschland dank seiner gewachsenen Verbreitung dann Anfang der 90er wirklich sichtbar:
OTON 17 Wick
„In der Zeit gab es dann „gute Zeiten. Schlechte Zeiten“, diese Daily-Soap. Hans Meiser machte die erste Talkshow. Also es gab eine ganze Reihe von neuen Formaten, und die haben dann eigentlich die Fernsehlandschaft überhaupt erst verändert. (…) Dann fingen auch die Leute an, darüber zu reden, und „Glücksrad“ gucken und „der Preis ist heiß“ gucken wurde dann auch Mode. (…) Und deswegen gab es plötzlich dann halt auch noch mal Fights zu Hause, wer eigentlich wann was gucken darf. (…) Und man konnte dann sogar als Intellektuelle auch schon diese ganzen Sachen sehen (…), das war wirklich interessant zu beobachten, wie das auch zum guten Ton gehörte, plötzlich, dass man keine Scheu vor den Programmen der Privatsender hatte.“
MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:23
SPRECHER
Von der veränderten Sitzordnung dank Fernsehtruhe im Wohnzimmer der 1950er Jahre bis zum Zweitfernseher im Kinderzimmer, damit jeder zappen kann, wohin er oder sie mag: Die Geschichte des Massenmediums Fernsehen hat das Leben in Deutschland stark geprägt – in den Häusern und Köpfen, in Freizeit und Politik, im Großen und Kleinen.
MUSIK ENDE
Heute muss sich das Fernsehen die Aufmerksamkeit seines Publikums wieder härter erkämpfen. Es hat durch soziale Medien und Streaming-Portale starke Konkurrenz. Auch die bedient sich bewegter Bilder, bietet aber eben kein Vollprogramm, nie das ganze, mit Bedacht kuratierte Sortiment aus Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Und genau deswegen bleibt die Leiterin des Bereichs Fernsehen in der deutschen Kinemathek Berlin, Klaudia Wick, ihrem Lieblingsmedium treu:
MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:25
OTON 18 WICK
„Für mich ist Fernsehen eben dadurch gekennzeichnet, dass es gleichzeitig unterhalten und informieren will. Das sind für mich die Streamer eben nicht. (…) Das Großartige am Fernsehen - also ich mache jetzt mal einen kleinen persönlichen Werbeblock, ist eben - dass wir ein sehr emotionales Verhältnis zu diesem Apparat haben und es gleichzeitig aber auch ein Wissensvermittler ist, das finde ich ganz großartig.“