radioWissen

Verkehrsberuhigte Stadt - Wie sie gelingen kann

Unsere Innenstädte sind im ständigen Wandel. In der Nachkriegszeit sollten sie noch möglichst autogerecht sein, seitdem fand ein Umdenken statt, das immer wieder für Konflikte sorgt. Oft heißt es zum Beispiel, Verkehrsberuhigung schade dem Einzelhandel. Doch stimmt das überhaupt? Von Andreas Strobel

Verkehrsberuhigte Stadt - Wie sie gelingen kann | Bild: picture alliance / SZ Photo | Alessandra Schellnegger
23 Min. | 25.3.2025

VON: Andreas Strobel

Ausstrahlung am 25.3.2025

SHOWNOTES

Credits
Autor dieser Folge: Andreas Strobel
Regie: Anja Scheifinger
Es sprachen: Katja Amberger, Benjamin Stedler, Jenny Güzel
Technik: Stephan Oberle
Redaktion: Yvonne Maier

Im Interview: 
Tamina Schelter, Polizistin in Rosenheim
Benedikt Boucsein [‘Bucksein], Professor für Urban Design, TUM
Valentina Orioli [Valen‘tina Ori‘oli], ehem. Verkehrsdezernentin Bologna
Cleto Carlini, Leiter der Abteilung für nachhaltige Mobilität Bologna
Bernd Ohlmann, Pressesprecher Handelsverband Bayern
Oliver May-Beckmann, Leiter MCube TUM
Tim von Winning, Bürgermeister für Stadtentwicklung, Bau und Umwelt Ulm
Andreas März, Oberbürgermeister Rosenheim

Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen und IQ Wissenschaft und Forschung könnten Sie auch interessieren:
Frauen auf Rädern - Wie Radfahren Frauen emanzipierte
JETZT ENTDECKEN

Enge in der Stadt - Alltag und Gesundheit
JETZT ENTDECKEN

Hitze in der Stadt - Kühlbringende Ideen und Lösungen
JETZT ENTDECKEN

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

“CUT – Das Virus, das uns trennt”. In dem Storytelling-Podcast vom WDR geht es um das Virus, das alles verändert hat: Corona. Vor fünf Jahren hat die WHO die Verbreitung des Virus als Pandemie eingestuft. Und mit der Pandemie ging auch ein Riss durch unsere Gesellschaft. Fast in jeder zweiten Familie oder Freundeskreis gab es ernsthafte Konflikte wegen Corona. Das zeigen aktuelle Zahlen aus dem ARD Deutschlandtrend, die CUT exklusiv für den Podcast erhoben hat. 

“CUT – Das Virus, das uns trennt” findet ihr jetzt in der ARD Audiothek und überall da, wo es Podcasts gibt oder gleich HIER

Literatur: Hans Dollinger, „Die totale Autogesellschaft“ (1972): Dollinger beschreibt in klarer Sprache die Probleme der autogerechten Stadt vor dem Hintergrund unwirtlicher Städte und zunehmenden Autoverkehrs Klaus von Beyme, „Der Wiederaufbau“ (1987): Ein Standardwerk, das die Unterschiede und Ähnlichkeiten im Städtebau in BRD und DDR aufzeigt Jane Jacobs, Tod und Leben großer amerikanischer Städte (1961): Große Kritik an der Stadtplanung amerikanischer Großstädte

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Radiowissen
JETZT ENTDECKEN

Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Sprecher 1

Verkehrskontrolle in der Rosenheimer Innenstadt, an einem Wochentag im Januar. Polizistin Tamina Schelter und ihr Kollege Robert Maurer beobachten ein Auto, das langsam in ihre Richtung fährt.

ZSP 02 OT Schelter Ah

Ah, da kommt einer. – Ja!

Sprecher 1

Das Team der Rosenheimer Polizei steht in der Münchener Straße, die seit kurzem eine Fußgängerzone ist. Doch dort, wo eigentlich Menschen gehen sollten, fährt ein schwarzer Kombi entlang. Tamina Schelter hält die Fahrerin an.

ZSP 03 OT Schelter Bollern

Sie befahren grad eine Fußgängerzone. Ab da vorne, wo diese schönen Bollern stehen, bis hier hinten, ist Fußgängerzone.

Sprecher 1

Die Autofahrerin will für diese Sendung nicht aufgenommen werden. Sie habe, sagt sie, die Schilder übersehen, die die Fußgängerzone ankündigen. Polizistin Tamina Schelter ist nachsichtig:

ZSP 04 OT Schelter Verwarnung

Ich würds heute bei ner mündlichen Verwarnung belassen, ausnahmsweise, normalerweise kostets 50 Euro.

Sprecher 1

Die Autofahrerin bedankt sich und kehrt um. Sie wird nicht die Einzige bleiben, die die Polizistin und ihr Kollege heute auf die neue Fußgängerzone hinweisen müssen – stündlich fahren hier noch Dutzende Autos unerlaubt entlang. Das kann gefährlich werden, wenn sich Passantinnen und Passanten auf die Verkehrsberuhigung verlassen:

ZSP 05 OT Schelter Unfall

Deswegen kann es durchaus zum Verkehrsunfall kommen. Und das wäre natürlich alles andere als gut. Deswegen wäre unser Wunsch, dass die Verkehrszeichen beachtet werden und hier einfach kein Fahrzeugverkehr mehr durchfährt.

Sprecher 1

Rosenheim will mit der neuen Fußgängerzone seine Innenstadt beleben, dem Handel helfen und Aufenthaltsqualität schaffen. Was muss die Stadt tun, damit das funktioniert?

MUSIK

Sprecherin 2

Es ist ein Konflikt, wie es ihn überall in Deutschland gibt: Wer Auto fährt, ist es gewohnt, direkt zu seinem Ziel fahren zu können. Seit der Nachkriegszeit sind Städte autofreundlich gestaltet. Inzwischen gibt es ein Umdenken. Doch was bedeutet der Wandel für die Menschen, die in den Städten wohnen? Was für die Besucherinnen und Besucher? Und stimmt es, dass der Einzelhandel leidet, wenn Autos draußen bleiben müssen? [[In deutschen und europäischen Städten lässt sich der unterschiedliche Umgang mit dem Autoverkehr direkt beobachten.]]

Doch zunächst ein Blick ganz an den Anfang der motorisierten Zeit.

MUSIK ENDE

ZSP 06 Atmo England 1900

ATMO Take: C1064590 004 / Straße in England um 1900

Sprecher 1

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreiten sich nach und nach die Dampfkraftwagen als Vorläufer des Autos. Im Vereinigten Königreich ist man skeptisch, fürchtet Unfälle in den Städten – und schreibt 1865 ein Gesetz. Motorbetriebene Fahrzeuge dürfen fortan innerorts nur noch mit 2 Meilen pro Stunde fahren, also gut 3 km/h, und ihre Betreiber müssen Sicherheitsmaßnahmen treffen: 

MUSIK 

Vorschlag: Take: ZE021640 102 / Greensleeves

Zitator: 

Historischer Sprecher Zitat Red Flag Act

„Eine der Personen soll, während sich das Fahrzeug bewegt, diesem mit mindestens sechzig Yards Abstand vorausgehen und dabei ständig eine rote Flagge tragen.“

MUSIK ENDE

Sprecher 1

Eine rote Flagge, um die Stadtbevölkerung vor Fahrzeugen zu warnen, die sich nicht einmal mit Schrittgeschwindigkeit fortbewegen? Sicher, zur Anfangszeit des Motorverkehrs sind sich viele Menschen der potenziellen Gefahren nicht bewusst, sind sie doch eher Pferdekutschen auf den Straßen gewohnt. Doch der so genannte Red Flag Act, das Rote-Flaggen-Gesetz, setzt sich am Ende nicht durch und wird nach gut 30 Jahren wieder abgeschafft. Zu seiner Anfangszeit hat es der motorisierte Verkehr also gar nicht so leicht. Das wandelt sich aber bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts deutlich.

MUSIK

Langsam beginnende, ruhige Musik, die leichte Spannung aufbaut

Sprecherin 2

Nach dem zweiten Weltkrieg sind viele deutsche Städte zu großen Teilen zerstört. Der Wiederaufbau ermöglicht aber auch, die Innenstädte komplett neu zu gestalten. Viele Verantwortliche verfolgen ein Ziel: 

Musik Ende

Die autogerechte Stadt.

ZSP 07 OT Boucsein autogerechte Stadt

Das Leitbild der autogerechten Stadt ist aus der Moderne heraus entstanden, aus der modernistischen Stadtplanung, die auf einen starken Fortschrittsgedanken hin zu Technologie hingearbeitet hat.

Sprecherin 2

… erklärt Benedikt Boucsein. Als Professor für Urban Design an der Technischen Universität München erforscht er Architektur und Infrastruktur von Städten. Und diese autogerechte Stadt malte man sich folgendermaßen aus.

ZSP 08 OT Boucsein Quartiere

Man hat eigentlich gesagt, wir haben in den Städten ein Wohnquartier, ein Arbeitsquartier, ein Quartier zum Einkaufen und Erholung und die sind voneinander getrennt.

ZSP 09 Atmo Seidlstraße

Take: G0036620 002 / München Unterführung an der Seidlstraße

Sprecherin 2

Möglichst einfach und unabhängig soll man seitdem in die Innenstädte kommen, vielerorts entstehen mehrspurige Fahrbahnen für den Autoverkehr. [[München baut ab den 1950er-Jahren den Mittleren Ring …

ZSP 10 Atmo Berlin

Sprecherin 2

Und West-Berlin eine Stadtautobahn. Und schon zur Einweihung im Jahr 1964 ist sich der dortige Baudirektor sicher: Dabei wird es nicht bleiben, der Ausbau muss weiter vorangehen.

ZSP 11 OT Baudirektor Klotz stolz

Stadtautobahn Berlin(1)

03:10

Der Berliner ist wohl mit Recht in den letzten Jahrzehnten auf sein Stadtstraßennetz stolz gewesen. Was wollen wir Straßenbauer nun heute tun? Wir sind uns darüber klar, dass wir Straßen erstellen müssen, die ebenfalls in 20, 30 Jahren dem dann entstehenden Verkehr gerecht werden.

Sprecherin 2

Schon damals war also absehbar, dass die Zahl der Autos in den Städten weiter zunehmen wird, wie auch der Sprecher einer Fernsehsendung von 1960 feststellt. 

ZSP 12 OT Bericht Stauung

rW Autogerechte Stadt

06:20 Es gibt eine Stauung nach der anderen, und schon schimpfen Sie wieder. 07:17 Dem Auto, das steht fest, werden unsere Städte nicht gerecht.]] 

ZSP 13 Atmo Autogerecht

Atmo aus rW Autogerechte Stadt

Sprecherin 2

Um dem Auto gerechter zu werden, führen Städte die grüne Welle ein, bauen Straßen aus. Fußgängerinnen und Fußgänger spielen bei den Plänen eine untergeordnete Rolle.

MUSIK

Vorschlag: ID-/Produktionsnr.: 062250  / 1 – DDR 1962

Sprecher 1

Bei der Stadtplanung sind sich Ost- und Westdeutschland während ihrer Trennung übrigens recht ähnlich. Zwar hat in der DDR der öffentliche Personennahverkehr vor allem in Form von Straßenbahnen einen hohen Stellenwert. Doch auch hier sind Autos ein Statussymbol, nach dem sich die Stadtarchitektur richtet – auch wenn die einzelnen Städte in West und Ost natürlich im Detail unterschiedlich sind.

MUSIK ENDE

Sprecherin 2

Mit den immer volleren Straßen wächst in den frühen 70er-Jahren das Bewusstsein dafür, wie viel Platz das Auto einnimmt.

ZSP 14 OT Bericht Vehikel

Die einzelnen Vehikel schleichen nur noch im Schneckentempo dahin, vorbei an den endlosen Reihen der Blechkabinen, die die Straßenränder säumen.

Sprecherin 2

Und mit diesem Bewusstsein steigt auch die Kritik. [[Eine Fernsehsendung im Bayerischen Rundfunk von 1972 greift die Kritik auf, und erklärt anhand eines Buchs des Autoren Hans Dollinger: 

ZSP 15 OT Dollinger

Almanach Autogesellschaft

15:20 Der Straßenverkehr ist ein Moloch, der jährlich 20.000 Menschen frisst, mit seinen Abgasen die Luft verpestet, die engen Straßen der Städte verstopft, mit seinem Lärm an den Nerven der Bevölkerung nagt und trotz allem die Aufgaben des Massentransports nicht bewältigen kann.]]

Sprecherin 2

Autor Hans Dollinger fordert 1972 in seinem Buch „Die totale Autogesellschaft“ andere Massenverkehrsmittel – und eine Wende im Straßenbau.

Sprecher 1

Eine Meinung, die sich bald in der Gesellschaft verbreitet – so beurteilt das auch Urban Design-Professor Benedikt Boucsein.

ZSP 16 OT Boucsein Unwirtlichkeit (16“)

Also ich denke, es hatte schon damit zu tun, dass es immer mehr Autos wurden und da gab es die Umweltbewegungen, die damals auch aufkamen und es gab da eine große Strömung in der Stadtkritik, die über die Unwirtlichkeit unserer Städte gesprochen hat und das sehr stark ans Auto drangehängt hat.

Sprecher 1

1972 eröffnet Münchens damaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel die neue Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz:

ZSP 17 OT Vogel Blechschlangen

HJ Vogel 1972, DK243980 120

München hat sich durch die Einrichtung dieses Bereichs gegen die Übermotorisierung erfolgreich zur Wehr gesetzt. Es hat die richtige Rangordnung der Nutzungen wiederhergestellt und die Menschlichkeit, die in Blechschlangen, Motorenlärm und Abgaswolken zu ersticken drohten, in das Herz dieser Stadt zurückgeholt.

Sprecher 1

Die neue Fußgängerzone in München entsteht im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in der Stadt.

ZSP 18 Atmo Fußgängerzone Nürnberg II (1978)

Sprecherin 2

Doch auch andernorts ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten: Überall in deutschen Städten entstehen eigene Abschnitte zum Bummeln und Aufenthalten – ganz ohne Autos. Und sowohl DDR als auch BRD sammeln Erfahrungen, wie Verkehrsberuhigung funktionieren kann.

[[ZSP 19 Tagesschau 1973

Tagesschau vom 17.08.1973

Die Fußgängerzonen müssen durch öffentliche Nahverkehrsmittel leicht zu erreichen sein bzw. genügend Parkmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe aufweisen. Sie müssen durch Grünflächen aufgelockert werden sowie attraktive Geschäfte haben.

Sprecherin 2

Diese Faktoren gelten über 50 Jahre später noch genauso.]]

Was überrascht: Während im Deutschland der 70er also erst das Bewusstsein für die Vorteile verkehrsberuhigter Innenstädte wächst, sind andere Länder schon weiter.

Sprecher 1

Eine Stadt, an der sich München Ende der 80er ein Beispiel nimmt, ist das italienische Bologna. Dort ist ein Teil der Altstadt schon seit 1989 nur für Autos mit Ausnahmegenehmigung befahrbar. Grund genug für den damaligen Münchner Stadtplanungsausschuss, sich das mal vor Ort anzusehen:

ZSP 20 Klaus Hahnzog

In Deutschland wird sowas immer sehr viel grundsätzlicher angegangen, in Italien hab ich das Gefühl, dass man nicht so viel redet, sondern eher etwas tut und da wollen wir ein paar Beispiele anschauen.

Sprecher 1

… erklärt Klaus Hahnzog, damals 2. Münchner Bürgermeister, auf der Studienreise.

Natürlich gibt es auch im Bologna der 80er-Jahre Streit um die Verkehrsberuhigung. Als Gegner formiert sich damals zum einen der Einzelhandel, wie ein TV-Bericht des Bayerischen Rundfunks von 1989 zeigt.

ZSP 21 Autofreie Stadt Bologna Geschäfte

Heftig umstritten unter den Bologneser Geschäftsleuten war die Sperrung der Hauptgeschäftsstraße Via dell’Indipendenza. Bei manchen Besitzern der Geschäfte ist der Zorn noch immer nicht verraucht.

Sprecher 1

Zum anderen stößt das Einfahrtsverbot auch unter den Autofahrerinnen und Autofahrern auf wenig Gegenliebe:

ZSP 22 Autofreie Stadt Bologna Kontrollen

Die Bologneser Polizei hat jedoch rigide Kontrollen eingeführt, rund 3000 Sünder erwischt sie pro Woche, die sich nach wie vor ohne Genehmigung durch die engen Gassen der Altstadt zwängen wollen.

Sprecher 1

Das war also die Situation vor mehr als 30 Jahren. Wie hat sich die verkehrsberuhigte Altstadt Bolognas seitdem entwickelt? Halten sich die Menschen an die Regeln und ist der Einzelhandel heute zufrieden?

ZSP 23 Atmo Neptunsplatz

Sprecherin 2

Ziemlich genau in der Mitte der verkehrsberuhigten Altstadt Bolognas liegt der Palazzo D’Accursio.

ZSP 24 Atmo Begrüßung Orioli 

Im Hintergrund einfaden

Sprecherin 2

Hier hat die Stadtverwaltung ihren Sitz und hier treffen wir Valentina Orioli. Sie ist Professorin für Stadtplanung und bis 2024 Verkehrsbeauftragte in Bologna.

ZSP 24 Atmo Begrüßung Orioli

Hier dann das „Buongiorno“, danach wieder ausfaden

Sprecherin 2

Valentina Orioli präsentiert stolz ihre neueste Maßnahme: In Bologna gilt seit Anfang 2024 fast flächendeckend Tempo 30 – damit ist Bologna Vorreiter-Stadt in Italien. Das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu bringen, hat auch auf Anhieb geklappt: kein Fußgänger wurde 2024 in einen tödlichen Unfall verwickelt.

Dabei war die Grundidee der Verkehrsbeschränkungen in der Stadt eigentlich einmal eine ganz andere.

ZSP 25 OT Orioli centri storici

Le zone a traffico limitato in Italia nascono principalmente come una misura di mobilità che accompagna la valorizzazione dei centri storici.

Overvoice (weiblich)

Verkehrsbeschränkte Zonen in Italien sind entstanden, um die historischen Stadtzentren zu schützen.

[[Sprecherin 2

Die Stadtzentren sind mit ihren engen Gassen ohnehin nicht für viel Autoverkehr ausgelegt.

Sprecher 1

Es waren also praktische Gründe, aus denen Bologna begann, den Verkehr in der Stadt einzuschränken.]] Inzwischen geht es bei der Verkehrsberuhigung längst um den Schutz der Umwelt und der Menschen, die ohne Auto unterwegs sind. Valentina Orioli erinnert sich, wie neue Maßnahmen von Händlerinnen und Händlern kritisiert wurden. Hat es sich am Ende gelohnt, die wichtigsten Straßen zur Fußgängerzone zu machen?

ZSP 26 OT Orioli pedonale

In realtà oggi la T è una delle zone commerciali più importanti di Bologna, nei weekend arrivano persone da tutta la regione per passeggiare e fare compere. Questo ha dimostrato in maniera molto evidente che l'appetibilità del commercio può essere anche legata a un'area pedonale.

Overvoice (weiblich)

Tatsächlich bilden sie heute eine der wichtigsten Einkaufszonen in Bologna, an den Wochenenden kommen die Menschen aus der ganzen Region, um zu bummeln und einzukaufen. Das hat sehr deutlich gezeigt, dass eine Fußgängerzone für den Handel attraktiv sein kann.

Sprecher 1

In Bologna geht die Verkehrsberuhigung für den Handel also auf. Ob das eine allgemeingültige Regel ist, erfahren wir später noch.

Allein ein Einfahrtsverbot für einen Großteil der Autos aussprechen reicht allerdings nicht, um den Verkehr tatsächlich aus der Stadt zu halten, das wissen sie auch hier in Bologna. Denn es müssen sich auch alle daran halten. Eine Lösung dafür nennt Oriolis Kollege Cleto Carlini.

ZSP 27 OT Carlini telecamere

In realtà Bologna poi ha preso piena efficacia la zona di traffico limitato nel 2005 quando viene attivato il servizio di telecontrollo che ha portato un grande beneficio perché da subito c'è stata una riduzione di quasi il 30% dei flussi veicolari

Overvoice (männlich)

Tatsächlich hat die verkehrsberuhigte Zone in Bologna erst im Jahr 2005 ihre volle Wirkung entfaltet, als die Videoüberwachung eingeführt wurde. Dadurch hat sich der Verkehr sofort um fast 30 % verringert.

[[Sprecher 1

In quasi jeder italienischen Stadt, groß oder klein, gibt es heute diese verkehrsberuhigten Zonen, überwacht durch Kameras. Wer keine Einfahrtsgenehmigung hat, sollte keine Strafen riskieren: Die liegen zwischen 80 und über 300 Euro.]]

ZSP 28 Atmo Indipendenza

Sprecher 1

In Bologna haben sie sich längst an die Einfahrtsregeln in der Altstadt gewöhnt, wie eine kurze Umfrage vor Ort zeigt:

ZSP 29 OT Voxpop giungla

Penso che sia di grande aiuto per le famiglie, per il passaggio in serenità, per godersi lo shopping evitando il caos della giungla che si presenta subito fuori porta del centro storico.

Overvoice (männlich)

Das ist sehr gut für Familien, um in Ruhe voranzukommen, Shopping zu genießen, während direkt vor den Toren der Altstadt ein chaotischer Dschungel beginnt.

ZSP 30 OT Voxpop tutela

E un modello che sicuramente aiuta a prevenire l’inquinamento ambientale acustico, e sicuramente ha anche la tutela ovviamente dei pedoni.

Overvoice (männlich)

Dieses Modell schützt vor Umweltschäden und Lärmbelästigung, und natürlich schützt es auch Fußgänger

ZSP 31 OT Voxpop normale

È normale che in centro delle città non si entra più in macchina.

Overvoice (männlich)

Es ist ganz normal, mit dem Auto nicht ins Stadtzentrum zu fahren.

Sprecher 1

Natürlich sind auch in Bologna nicht alle überzeugt von der verkehrsberuhigten Innenstadt.

ZSP 32 OT Voxpop parcheggi

Io non abito a Bologna, abito a provincia, e ci metto un sacco di tempo. Prima, c’erano tanti parcheggi, adesso parcheggi non ce ne sono.

Overvoice (weiblich)

Ich wohne nicht in Bologna, sondern in der Umgebung, und brauche sehr lange zur Arbeit. Früher gab es viele Parkplätze, jetzt aber nicht mehr.

ZSP 33 OT Orioli differenza

C'è una differenza fra chi vive in città e chi vive fuori dalla città

Overvoice (weiblich)

Es gibt einen Unterschied zwischen den Stadtbewohnern und denen aus dem Umland.

Sprecher 1

… weiß auch die Verkehrsbeauftragte Valentina Orioli.

ZSP 34 OT Orioli campagna

Chi vive in campagna fa più fatica a fare questi passaggi anche perché dove non c'è densità il trasporto pubblico funziona male

Overvoice (weiblich)

Für die Menschen auf dem Land sind die Fahrten in die Stadt anstrengender, denn in nur wenig besiedelten Regionen funktioniert der öffentliche Nahverkehr schlechter.

Sprecher 1

Die Lösung dafür ist laut Valentina Orioli aber nicht, die Verkehrsberuhigung zurückzunehmen. Stattdessen brauche es bessere Angebote vor allem im öffentlichen Personennahverkehr.

[[Sprecherin 2

In Bologna hat es Jahrzehnte gedauert, und die Bewohnerinnen und Bewohner diskutieren immer noch über neue Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung.]]

Auch in Deutschland gibt es oft Gegenwind bei Projekten zur Verkehrsberuhigung. Die FDP fordert im Sommer 2024 gar eine Politik für das Auto – auch in Städten. FDP-Politiker Zyon Braun sagt damals:

ZSP 35 OT Braun FDP Kulturkampf

„Dieser Beschluss, den wir heute getroffen haben, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir den Kulturkampf gegen das Auto nicht mitmachen“

Sprecherin 2

Die FDP fordert in ihrem Beschluss unter anderem mehr kostenlose Parkplätze. Das könnte, so die Schlussfolgerung der Partei, mehr Autos in die Innenstädte locken und dem Handel helfen.

Sprecher 1

Dabei ist nicht mal mehr der Handel selbst der Meinung, dass mehr Autos dem Verkauf in Stadtzentren unbedingt guttun.

ZSP 36 OT Ohlmann Mantra

Die autogerechte Stadt ist nicht mehr das große Mantra, was der lokale Einzelhandel vor sich herträgt, sondern eine klimagerechte Stadt, eine funktionale, ökologische und letztendlich lebenswerte Innenstadt.

Sprecher 1

Sagt Bernd Ohlmann, Pressesprecher beim Handelsverband Bayern. 

[[ZSP 37 OT Ohlmann egal

Mittlerweile denken auch viele Einzelhändler immer mehr um und sagen, klar, mein Geschäft muss erreichbar sein für meine Kunden. Wie die zu mir ins Geschäft kommen, ist erstmal nebensächlich. Hauptsache, sie kommen. Ob jetzt per Fahrrad, zu Fuß, mit dem ÖPNV oder eben mit dem Auto, ist letztendlich dem Handel egal.

Sprecher 1

Daraus ergibt sich für den Handelsverband-Sprecher auch:]] Innenstädte ganz ohne Autos sind aber vermutlich nicht die Lösung.

ZSP 38 OT Ohlmann Durchschnitt

Der Autofahrer kann natürlich aufgrund seiner Mobilität, aufgrund des erhöhten Platzangebotes, mehr Sachen mitnehmen und Artikel und der Durchschnittsbon eines Autofahrers ist auf jeden Fall signifikant höher als der zum Beispiel eines Radfahrers oder Fußgängers.

MUSIK: Anhaltende Töne, Wissensmusik

Sprecher 1

Das bestätigt zunächst auch eine Untersuchung der Fachhochschule Erfurt von 2014: Autofahrerinnen und -fahrer geben bei einem Besuch in der Innenstadt mehr Geld aus als Menschen, die zu Fuß, auf dem Rad oder mit Bus und Bahn anreisen – machen quasi einen Großeinkauf. Aber: Dafür kommen die drei anderen Gruppen deutlich öfter in die Stadt. Auf lange Sicht betrachtet kehrt sich das Ergebnis damit um und Autofahrer sind auf einmal die schwächste Kundschaft.

ZSP 39 Atmo TUM

Sprecherin 2

Zurück in der Technischen Universität bei Benedikt Boucsein, dem Urban Design-Professor aus München. Neben ihm am Schreibtisch sitzt Oliver May-Beckmann – beide forschen zusammen an Mobilitätskonzepten. Oliver May-Beckmann sagt: Eine Verkehrsberuhigung muss immer von den richtigen Maßnahmen begleitet sein.

ZSP 40 OT May-Beckmann Kontext

Wie gut ist der ÖPNV angeschlossen? Wie leicht lässt sich von einem Mobilitätsgefäß ins andere umsteigen? Ein zentraler Fahrradparkplatz, Parkraum, Parktiefgarage reicht nicht aus, wenn die Fahrradinfrastruktur drum herum nicht gebaut ist. Dementsprechend hängt es immer davon ab, wie man tatsächlich solche Maßnahmen auch im Gesamtkontext sieht.

Sprecherin 2

[[Je nach Stadt können sich die Maßnahmen unterscheiden, was in einer Stadt funktioniert, kann der falsche Weg für eine andere sein. Doch:]] insgesamt, da sind sich May-Beckmann und Boucsein einig, gilt für eine verkehrsberuhigte Stadt, wenn sie gut geplant ist:

ZSP 41 OT Boucsein positiv

… dass es leicht positive Auswirkungen hat auf den Einzelhandel, aber auch sehr positive Auswirkungen auf Gastronomie und auf die Aufenthaltsqualität allgemein.

Sprecher 1

Inzwischen gibt es in ganz Deutschland Beispiele dafür, dass ein Aufbrechen der autofreundlichen Strukturen einer Stadt gut tut.  [[[Und eins der Bespiele ist die Neue Straße im baden-württembergischen Ulm, die nach dem 2. Weltkrieg erstmal sehr autofreundlich gebaut wurde.

ZSP 42 OT Winning autogerecht

[[Die neue Straße ist eine Errungenschaft der Nachkriegszeit der autogerechten Stadt.]] Ulm war ja sehr, sehr zerstört und gerade in dem Bereich zwischen Münster und Rathaus, also der Kernbereich der Altstadt, dort hat man eben einen Baublock nicht wieder aufgebaut, sondern stattdessen dieser Straße Raum gegeben.

Sprecher 1

Erzählt der Ulmer Baubürgermeister Tim von Winning. Damals schlängeln sich stellenweise bis zu sieben Fahrspuren mitten durch die Altstadt. [[Für Passantinnen und Passanten eine riesige Barriere.]] Über die Jahre nimmt der Autoverkehr zu und die Stadtverwaltung merkt: Es muss sich etwas ändern.

ZSP 43 OT Winning Tunnel

Die erste Idee war die, die man in der technikbegeisterten 70er-Jahre-Zeit immer hatte, einen großen Tunnel unter den Bereich zu schlagen, die Autos unter die Erde zu bringen. [[Da war die Verwaltung auch schon sehr weit, es gab fertige Planungen.]]

Sprecher 1

Doch in der Bevölkerung bildet sich Widerstand gegen den teuren Tunnel. Der könnte, so die Befürchtung, nicht für eine Verkehrsberuhigung sorgen, sondern im Gegenteil noch mehr Autos anziehen und ständig verstopft sein. 1990 stimmt die Bevölkerung ab:

ZSP 44 Archiv Bürgerentscheid

Am Sonntag die große Sensation: Das 100-Millionen-Ding wurde per Bürgerentscheid gekippt, zur Freude der Tunnelgegner.

MUSIK Aufbruch, technisch, spannend

Sprecher 1

Die Stadt fängt also nochmal ganz neu an zu planen, schreibt einen Wettbewerb aus und baut schließlich bis in die Mitte der Nuller-Jahre um. Die Neue Straße hat je Richtung jetzt nur noch eine normale Fahrspur und eine Busspur, außerdem Freiflächen, um den Aufenthalt zu verschönern und unterirdisch eine große, freundliche Tiefgarage für Autos. Insgesamt fahren täglich zwar immer noch 15 bis 17-Tausend Fahrzeuge über die Neue Straße, aber:

ZSP 45 OT Winning Gestaltung

Sie ist, was die gestalterische Umsetzung angeht, extrem zurückgenommen, sodass Autofahrende das Gefühl haben, sie bewegen sich über eine Platzfläche und nicht Fußgängerinnen und Fußgänger das Gefühl haben, sie müssen über eine Straße laufen. Und mit dieser gestalterischen Veränderung ist ein sehr rücksichtsvolles Miteinander zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden erreicht worden.

Sprecher 1

Laut Baubürgermeister von Winning hat die Straße sich so im städtischen Einzelhandel etabliert, verkehrsberuhigt – aber ohne zur Fußgängerzone zu werden.

[[ZSP 46 OT Winning nicht kritisch

Ich bin jetzt seit zehn Jahren hier Bürgermeister in der Stadt und ich habe in der Zeit nicht ein kritisches Wort über die neue Mitte gehört.]]

Sprecher 1

Vielleicht kann der Umbau der Neuen Straße in Ulm also auch als Vorbild dienen für andere – ein gut geplanter Kompromiss für beide Seiten.]]]

Sprecherin 2

Zurück nach Rosenheim:

ZSP 47 Atmo Rosenheim zugehen

Sprecherin 2

Hier kontrolliert Polizistin Tamina Schelter in der Münchener Straße, die erst seit kurzem Fußgängerzone ist. Und hat schon wieder ein Auto angehalten, dass unerlaubt hier lang fährt.

ZSP 48 OT Schelter Konfro

Hallo – Einbahnstraße?

Nein, es ist eine Fußgängerzone, die Sie befahren! – Okay … Und jetzt?

Kostet normalerweise 50 Euro, belassen wirs heute bei ner mündlichen  Verwarnung und wir sehen uns hier mit dem Fahrzeug nie wieder. 

ZSP 49 Atmo Münchener Straße Kontrolle

Sprecherin 2

Der Mann verspricht, sich daran zu halten. Warum ist er eigentlich durch die Fußgängerzone gefahren?

OT 50 Voxpop Schild nicht gesehen

Im Grunde wie mans kennt, ich hab noch die Poller hier gesehen, dachte mir naja, ist Geschwindigkeitsbegrenzung, dass man langsam fährt, habs Schild nicht gesehen.

ZSP 51 Atmo Rosenheim warten

Sprecherin 2

Gleich mehrere Fahrzeuge erwischen Polizistin Tamina Schelter und ihre Kolleginnen und Kollegen bei der Kontrolle. [[Und immer wieder treffen sie auf Passantinnen und Passanten, die von den Autos in der Stadt genervt sind.

OT 52 Voxpop unverschämt

Es fahren ja alle durch, das ist ja das, und wenn du dann was sagst, dann strecken sie die Zunge raus. Also ich find das unverschämt, weil wenn man schon vorwarnt, dass sie nicht durchfahren können, und dann rasen die hier durch, das ist nicht mehr schön.

Sprecherin 2

Denn die Idee der Fußgängerzone sei genau richtig, erzählt die Frau.]] 

MUSIK

Sprecher 1

Der Abschnitt in der Münchener Straße ist auch nicht die erste Fußgängerzone in Rosenheim. Und vielleicht klappt das Miteinander auch hier in Zukunft besser. Die bisherige Lösung ist nämlich ein Provisorium, nach einem Jahr will die Stadt Bilanz ziehen. Erst danach könnte größer umgebaut werden, sodass, ähnlich wie in Ulm, die verkehrsberuhigte Stelle auf den ersten Blick erkennbar ist. Vorher will die Stadt nur Kleinigkeiten ändern, erklärt Oberbürgermeister Andreas März.

OT 53 März Piktogramme

Da müssen wir noch mal nachsteuern mit Piktogrammen auf der Straße, Aufklärung, Kontrollen auch.

Sprecherin 2

Denn grundsätzlich will Rosenheim auch von den Vorteilen einer verkehrsberuhigten Innenstadt profitieren.

OT 54 März spazieren

Wir spazieren durch die Stadt, lassen die Stadt, die Menschen, das Flair so auf uns wirken. Und das funktioniert natürlich auf verkehrsberuhigten Plätzen und Straßen deutlich besser, als wenn man immer aufpassen muss, ob jetzt wieder ein Auto kommt, ein Motorrad kommt.


 

radioWissen | Bild: Getty Images / BR
BAYERN 2

radioWissen

Neueste Episoden