Raus aus der Grübelfalle - Wenn Gedanken sich im Kreis drehen
Was könnte nicht alles passieren! Warum habe ich immer Pech? Wenn sich Gedanken nur noch im Kreis drehen, lässt sich keine Lösung, kein Ausweg mehr finden. Grübeleien blockieren das Handeln. Von Justina Schreiber
VON: Justina Schreiber
Ausstrahlung am 24.3.2025
SHOWNOTES
Credits
Autorin dieser Folge: Justina Schreiber
Regie: Frank Halbach
Es sprach: Hemma Michel
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Susanne Poelchau
Im Interview:
Prof. Dr. Thomas Ehring, Psychologe, Psychotherapeut + Lehrstuhlinhaber Klinische Psychologie und Psychotherapie der LMU München
Annelie Ritschel, Psychologin + Körperpsychotherapeutin
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
ZUM PODCAST
Literatur:
Tobias Teismann, Thomas Ehring: Pathologisches Grübeln, Hogrefe 2018
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN:
Was lässt sich gegen Hass und Hetze unternehmen? Was brauche ich wirklich, um zufrieden zu sein? Wie geht man mit Konflikten in der Familie, in der Arbeit oder in der Politik um? Es gibt so viele Themen und Probleme, über die der Mensch nachdenken kann. Dass wir fähig sind, uns mit allem Möglichen und Unmöglichen gedanklich reflektierend auseinanderzusetzen, ist eigentlich eine tolle Sache, sagt die Psychologin Annelie Ritschel (kurzes I). Letztlich hängt sogar unser Überleben davon ab.
MUSIK ENDE
O-TON 01: (Annelie Ritschel)
„Wir sind ja nicht im luftleeren Raum. Das heißt, die Welt produziert Probleme. Menschen produzieren Probleme, sie produzieren Konflikte, sie produzieren Themen, wo man sich wieder neu anpassen muss. Gesellschaften produzieren Sachen, wo man sich neu anpassen muss, haben wir gerade ganz viele davon. Nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch in der Sicherheitsarchitektur, wie man so schön sagt heutzutage, und so weiter und so fort. Also das heißt, das Leben ist ja immer etwas Lebendiges. Es ist immer in Bewegung, es verändert sich. Und dann habe ich natürlich immer das Problem, ich muss mich da anpassen. Dann kann ich auch mal nachts aufwachen und mir darüber Gedanken machen eine Weile.“
SPRECHERIN:
MUSIK 1 „Golden arrow“ ZEIT: 00:50
Doch: denkst du noch nach oder grübelst du schon? Der Übergang ist nämlich fließend. Was war vor dem Urknall? Was, wenn es wirklich Außerirdische gibt? Sich einer interessanten Fragestellung zuzuwenden, kann richtig Spaß machen. Ganz anders, wenn man eher sorgenvolle, ängstliche Gedanken wälzt: wie soll es auf Erden bloß weitergehen? Warum kommt immer alles zusammen? Sind die Aufgaben überhaupt noch zu bewältigen? Diese Art von Nachdenken wird gemeinhin als Grübeln bezeichnet, erklärt der Psychologie-Professor Doktor Thomas Ehring von der Ludwig-Maximilians-Universität.
MUSIK ENDE
O-TON 02: (Thomas Ehring )
„Der Unterschied zwischen Grübeln und Nachdenken wird häufig so getroffen, dass, wenn wir grübeln, das schon immer so eine leicht negative Konnotation hat und eine dysfunktionale Konnotation. Dass es also nicht so ganz hilfreich ist. Aber es gibt da keine scharfe Unterscheidung.“
SPRECHERIN:
Klar ist dagegen für die moderne Psychologie: Grübeln und sich Sorgen machen, sind verwandte Phänomene. Auch wenn Sorgen sich eher mit Zukünftigem beschäftigen und Grübeleien oft um vergangene Geschehen kreisen.
O-TON 03: (Thomas Ehring)
„Mittlerweile spricht eigentlich das meiste dafür, dass das ein Prozess ist, den wir als Grübeln dann häufig als Oberbegriff bezeichnen, oder repetitives Denken, weil das viel mehr Ähnlichkeiten hat als Unterschiede.“
MUSIK 2 „Heart“; ZEIT: 00:40
SPRECHERIN:
Wir sprechen von Gedankenkreisläufen oder einem Gedankenkarussell, wenn einen die immergleichen Gedanken beschäftigen. Der Kopf scheint keine Ruhe geben zu wollen. Nach dem Motto: jetzt denk doch noch einmal und noch einmal darüber nach! Wenn eine Frau ihr erstes Kind bekommt oder wenn das letzte Kind das Nest verlässt, wenn ein nahestehender Mensch gestorben ist oder der Job gekündigt wurde: immer, wenn der automatisierte Alltagstrott unterbrochen ist oder wenn Veränderungen anstehen, liegen Grübeleien näher als sonst.
MUSIK ENDE
O-TON 04: (Thomas Ehring)
„In der Pubertät wird sehr viel gegrübelt, äh, wenn man kritische Situationen hat, auch wenn viele ablenkende Dinge wegfallen. Gibt es auch Studien dazu, dass so zu Corona-Zeiten, als viele nur zu Hause saßen, da ging es sehr auseinander, für manche fielen viele Probleme oder Stressfaktoren auf der Arbeit vielleicht weg. Denen ging es besser, die haben sich weniger Gedanken gemacht. Aber viele hatten natürlich auch viel mehr Zeit und auch Anlass, Pandemie-Folgen und so weiter, sich Sorgen zu machen, zu grübeln.“
MUSIK 1 „Golden arrow“ ZEIT: 00:30
SPRECHERIN:
Hat das Leben einen Sinn? Findet mich das Glück? Was, wenn mich alle hässlich finden? Vor allem junge Menschen stellen sich Fragen, die nicht so leicht zu beantworten sind. Selbständig werden zu müssen, kann ziemlich verunsichernd sein, meint die Psychologin Annelie Ritschel.
MUSIK ENDE
O-TON 05: (Annelie Ritschel)
„Viele junge Erwachsene fangen dann tatsächlich das Grübeln an, wenn sie ausgezogen sind, weil dann noch mal auf eine andere Art und Weise deutlich wird: was habe ich gelernt? Was habe ich noch nicht gelernt?
Wo stellt vielleicht die Welt auch jetzt eine Herausforderung dar? Und womit fühle ich mich überfordert? Also zum Beispiel: viele fühlen sich dann mit einem Berufsabschluss überfordert schon, mit Prüfungen zu machen überfordert, weil ihnen das einfach nicht beigebracht wurde.“
SPRECHERIN:
„Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch“. Dieser Vers des Dichters Friedrich Hölderlin wird aus gutem Grund so oft zitiert. Er beschreibt ein Grundmuster unserer Welt. Es lässt sich auch auf lästige Grübeleien anwenden. Erst wenn Druck entsteht, tun sich manchmal neue Wege auf. Anstrengende Gedankenkreisläufe können Menschen zum Beispiel dazu animieren, sich Ratschläge zu holen und vielleicht eine Studien- oder Berufsberatung aufzusuchen. Eine gute Idee! Der Psychologie-Professor Thomas Ehring hält Grübel-Attacken deshalb auch nicht grundsätzlich für bedenklich. Bestenfalls stoßen wiederkehrende Gedanken notwendige Prozesse und Handlungen an.
O-TON 06: (Thomas Ehring)
„Grübeln hat in dem Sinne eine wichtige Signalfunktion: da ist ein Problem. Das ist wichtig für das, was meine Ziele sind und kümmere dich mal drum. Und solange setzt sich das fest. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel aus meinem Leben: Wenn ich Vorträge halten muss, bin ich meistens sehr spät dran, die vorzubereiten. Und ich merke, je näher das rückt, desto mehr Sorgen mache ich mir: kriege ich das überhaupt noch hin? Das ist, ehrlich gesagt, ganz hilfreich für mich, weil ich weiß, das motiviert mich, mich hinzusetzen. Und man könnte jetzt einfach definieren: Grübeln ist dann nicht mehr hilfreich, wenn diese Funktionen, die eigentlich sehr hilfreich sind, nicht mehr erfüllt sind.“
SPRECHERIN:
Also, wenn man sich nicht mehr von der Nachdenkerei lösen kann und nur noch grübelnd aus dem Fenster starrt. Warum finde ich keinen Mann? Warum gibt es bloß so viel Krieg und Gewalt? Die Körper-Psychotherapeutin Annelie Ritschel kennt Patienten und Patientinnen, deren Leben von negativen Gedankenkreisläufen regelrecht überschattet wird.
O-TON 07: (Annelie Ritschel)
„Ich habe viele Patienten mit Depressionen, mit Ängsten, psychosomatischen Geschichten, manche tatsächlich auch wirklich Grübel-Zwänge dabei, die ein unglaubliches Leid natürlich hervorrufen bei den Leuten, weil die können sich kaum noch auf was anderes konzentrieren.“
MUSIK 3 „The only shrine I've seen“; ZEIT: 00:50
SPRECHERIN:
Ein Gedankenkarussell ist wie ein fieser Ohrwurm, der alle anderen Geräusche übertönt. Anlässe gibt es wahrlich genug. Der Klimawandel, das Erstarken rechtsextremer und anderer radikaler Gruppierungen. Rassismus und Antisemitismus. Krisen, Katastrophen. Warum ist heutzutage bloß alles so kompliziert? Man versinkt förmlich in seinen Gedanken. Oft sind es ganz persönliche Gründe: Weil man sich zurückgesetzt fühlt. Weil die Enkel so viel Zeit am Handy verbringen. Weil das Knie beim Joggen schmerzt. Weil man tagelang auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung warten muss. Was wäre, wenn? Und wo soll das alles bloß hinführen? Aber…! Thomas Ehring betont es noch einmal:
MUSIK ENDE
O-TON 08: (Thomas Ehring)
„Grübeln an sich ist keine psychische Störung, ist keine Krankheit.“
SPRECHERIN:
Der Psychologie-Professor hat 2019 zusammen mit einem Kollegen ein Fachbuch mit dem Titel „Pathologisches Grübeln“ publiziert. Zum klinischen Symptom wird Grübeln demnach erst, wenn es deutlichen Leidensdruck erzeugt. Das sagt auch die Körperpsychotherapeutin Annelie Ritschel.
O-TON 09: (Annelie Ritschel)
„Dysfunktional und selbstsabotierend wird es in dem Moment, wo es meine Gesundheit stört, wo es auch für mich quälend wird, wo es für mich nicht mehr normal ist im Sinne von: damit komme ich klar! Wenn ich tagsüber nicht mehr konzentriert bin, weil ich wirklich ganz, ganz schlecht geschlafen habe, dann kann ich das ein paarmal abpuffern, aber nicht dauerhaft. Außerdem kommt natürlich das ganze Stresssystem dann auch in anderen Modus.“
MUSIK 1 „Golden arrow“ ZEIT: 00:38
SPRECHERIN:
Man liegt nächtelang wach: Was, wenn das Kind jetzt auch noch gemobbt wird? Wie war dieser Satz der Lehrerin bloß gemeint? Wer über längere Zeit zu wenig Schlaf abbekommt und zu viel Adrenalin produziert, hat nicht nur ein erhöhtes Risiko, Bluthochdruck oder andere Stresssymptome zu bekommen. Auch Angststörungen und Depressionen können sich entwickeln. Die permanente Katastrophenstimmung zehrt an den Kräften.
MUSIK ENDE
O-TON 10: (Thomas Ehring)
„Wenn Sie merken, zusätzlich zum Grübeln, ich habe depressive Symptome entwickelt. Ich bin immer sehr niedergeschlagen, kann mich nicht aufraffen oder bin so ängstlich in vielen Situationen, dass es mich lähmt. Dann ist ganz wichtig, nicht selber zu probieren, damit klarzukommen, sondern sich professionelle Hilfe zu suchen, ja. Also z. B. eine Psychotherapeutin, Psychotherapeuten aufzusuchen und dann eben auch zu schauen, welche Rolle spielt jetzt wirklich Grübeln im Gesamtkontext der Probleme, die ich habe.“
O-TON 11: (Annelie Ritschel)
„Auch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Person, die ganz viel grübeln muss, die sich vielleicht aber auch selbst verletzt oder Risikoverhalten zeigt oder Drogen nehmen muss, um irgendwie klarzukommen damit, dass sie so viel Stress in ihrem Körper hat.“
SPRECHERIN:
Mehrere Studien belegen den Zusammenhang: Wer zu exzessivem Grübeln neigt, neigt auch zu psychischen Erkrankungen. Es gibt also eine gewisse Disposition.
O-TON 12: (Thomas Ehring)
„Es gibt jetzt kein Gen für Grübeln, das Grübelgen, sondern es hängt zusammen mit so einem ganzen Strauß an Faktoren so etwas, was häufig Neurotizismus genannt wird, also eine gewisse emotionale Störbarkeit zu haben, Dinge eher schwer zu nehmen, vielleicht auch ein bisschen Ängstlichkeit als Grund-Temperament, da scheint es doch eine genetische Komponente zu geben.“ (STIMME OBEN)
SPRECHERIN:
Aber dass mehr Frauen als Männer von Grübeleien betroffen sind, liegt nicht etwa am X-Chromosom, sondern an den traditionellen Geschlechterrollen. Die amerikanische Psychologie-Professorin Susan Nolen-Hoeksema hat in den 1980er und 90er Jahren erforscht, warum Frauen so viel häufiger an Depressionen leiden als Männer. Ihr Fazit: Erziehung und Sozialisation befördern es. Sich nach innen zu wenden, sich intensiv um Gefühle und soziale Beziehungen zu kümmern, gilt seit Jahrhunderten als Frauensache. Gelernt ist eben gelernt. So ergibt es sich:
O-TON 13: (Thomas Ehring)
„Dass es natürlich besser zur weiblichen Rolle passt, sagen wir mal, die Dinge auch zu durchdenken, ernst zu nehmen, vielleicht auch Auslöser, die in Beziehungen liegen, besonders zu durchdenken und sich gedanklich damit zu beschäftigen, wohingegen Männer eher aktiv werden, was übrigens für die Depression ganz gut ist, wenn man sich da ablenkt. Das kann aber natürlich zu anderen Problemen führen. Wir finden den umgekehrten Geschlechter-Effekt zum Beispiel bei Problemen mit Alkohol, Substanzen, Aggressivität und Ähnlichem.“
MUSIK 1 „Golden arrow“ ZEIT: 00:50
SPRECHERIN:
Grübeleien drehen sich häufig um den Frust, der in Beziehungen erlebt wird, oder um verstörende Erfahrungen. Auch Menschen, die Traumatisches erlebt haben, neigen zu Gedankenschleifen. Warum ist mir das bloß passiert? Bin ich vielleicht selbst an allem schuld? Herumzugrübeln tut nämlich weniger weh als sich schlimmen Bildern, starken Gefühlen oder knallharten Tatsachen auszusetzen. Vielleicht schwelt in dem depressiven Jugendlichen eigentlich eine große Wut auf die Eltern. Und die schlaflose Rentnerin spürt vor lauter Sorgenmachen gar nicht, wie einsam sie ist. Die Psychologie nennt das Vermeidungsverhalten.
MUSIK ENDE
O-TON 14: (Thomas Ehring)
„Genau hinzuschauen, ist häufig sehr schmerzhaft oder löst Angst aus, oder sich genauer zu überlegen: was ist da in meiner Beziehung los oder Ähnliches. Und grübeln ist häufig so ein Kompromiss. Ich denke schon darüber nach, aber nicht so, dass das zu schmerzhaft wird. Das heißt, der Stil des Nachdenkens ist tatsächlich ein ganz wichtiger Punkt.“
SPRECHERIN:
Auch Leistungssituationen können im Vorfeld unproduktive Gedankenschleifen auslösen. Wer vor einer Prüfung oder einem Bühnenauftritt steht, fragt sich womöglich verzweifelt: was, wenn ich scheitere? Warum bin ich nicht widerstandsfähiger oder souveräner? Warum habe ich mich überhaupt in diese Lage gebracht? So unterminieren die Betroffenen den eigenen Auftritt, indem sie in ihrem Innern zu forschen beginnen - was erst einmal vernünftig klingen mag. Auch wenn es um andere Anlässe geht.
O-TON 15: (Annelie Ritschel)
„Bei diesen Gründen komme ich aber dann mit meinen eigenen Gedanken über die Welt oder auch Überzeugungen vor allen Dingen über die Welt natürlich immer weiter in meine eigenen Geschichten. Ich nehme mal jetzt ein ganz einfaches Beispiel. Mein Nachbar grüßt mich nicht. Dann kann ich mir darüber viele Gedanken machen: warum hat der mich nicht gegrüßt? Was ist mit dem? Aber ich kann natürlich auch fragen: was ist mit mir, dass der mich nicht gegrüßt hat? Mag der mich nicht, will der gar nicht, dass ich hier wohne, weil ich hier vielleicht neu eingezogen bin. Und dann komme ich so in so ein Gedankenkreisen, und das verselbständigt sich dann.“ (STIMME OBEN)
O-TON 16: (Thomas Ehring)
„Grübeln, das nicht hilfreich ist, gerät häufig auf eine sehr abstrakte Ebene. Ja, ich denke darüber nach, warum passiert mir immer das? Wie schrecklich ist denn das Ganze und so weiter. Ich bleibe nicht bei der konkreten Situation, dem Auslöser, sondern es bläst sich auf. Ich denke das nicht wirklich zu Ende. Ich kriege nicht wirklich Antworten auf meine Fragen, sondern die Gedanken fangen an, sich im Kreis zu drehen.“
O-TON 17: (Annelie Ritschel)
„Und irgendwann weiß ich dann gar nicht mehr genau, was das Ganze soll, aber ich bin immer noch damit beschäftigt. Und dann bin ich vielleicht bei dem: der mag mich nicht. Wie soll das denn hier weitergehen, wenn der mich nicht mag, sollen wir hier wieder ausziehen? Aber eigentlich mag mich ja sowieso niemand. Wo soll ich denn hin, wenn mich niemand mag? Also dann komme ich immer weiter in Schleifen rein, die scheinbar ein Problem lösen wollten, also eine Kontrolle auch wieder schaffen wollten. Aber es funktioniert nicht.“
SPRECHERIN:
Denn bei dieser Art der Auseinandersetzung mit sich selbst fehlt das Korrektiv. Es gibt keine innere Stimme, die sagt: jetzt verrennst du dich aber. Vielmehr dienen fatalerweise kaum bewusste, alte Glaubenssätze zur Orientierung. Das, was man schon immer über sich und die Welt zu wissen glaubte, wird reproduziert. So kann ein Gedankengebäude zum Labyrinth oder Gefängnis werden, aus dem man nicht mehr herausfindet. Und der Grübelzwang übernimmt die Macht.
O-TON 18: (Annelie Ritschel)
„Man reinszeniert im Grunde genommen alte Erfahrungen von: ich bin alleine, ich bin nicht gewollt. Ich bin nicht liebenswert, ich bin auch nicht in der Lage, mein Leben selber zu gestalten. Also diese Selbstwirksamkeit ist völlig abhandengekommen. Und dieser Versuch der Kontrolle über Gedanken hilft überhaupt nicht, weil es ein kompletter Kontrollverlust ist. Das führt ja dann manchmal dazu, dass Leute gar nicht mehr arbeitsfähig sind oder eben zum Beispiel der Schlaf total gestört wird.“
MUSIK 1 „Golden arrow“ ZEIT: 00:30
SPRECHERIN:
Man wälzt sich im Bett hin und her. Nichts scheint zu helfen: weder Baldrian noch Honigmilch. Manchmal brauchen Grübeleien auch gar keinen Auslöser, keinen aktuellen Streit, keine unangenehme Beobachtung, kein belastendes Ereignis. Sie können aus reiner Gewohnheit auftreten, erklärt der Psychologe Thomas Ehring.
MUSIK ENDE
O-TON 19: (Thomas Ehring)
„Vielleicht gab es eine Phase, wo ich sehr belastet war, viele Probleme hatte: immer, wenn ich mich abends ins Bett gelegt habe, eigentlich schlafen wollte, alle ablenkenden Dinge waren weg, fing ich an, nachzudenken. Irgendwann kann das so zur Gewohnheit werden, dass selbst wenn die Probleme gar nicht mehr da sind, ich mich ins Bett lege und die Gedanken fangen wieder an zu kreisen. Die Situation kann das automatisch auslösen.“
SPRECHERIN:
Die gute Nachricht lautet: die Gewohnheit an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten in Grübeleien zu versinken, kann durchbrochen werden. Indem man (es klingt fast banal) etwas dagegen „tut“, also handelt. Man kann zum Beispiel versuchen, mit seiner Wahrnehmung vom Kopf in den Körper zu kommen, sagt die Psychotherapeutin Annelie Ritschel.
O-TON 20: (Annelie Ritschel)
„Grübeln ist Denken, reines Denken, was tun bedeutet: ich steige aus aus diesem Denkvorgang, aus dieser Art des Denkens. Und dann kann ich zum Beispiel eine Atemübung machen und werde am nächsten Morgen aufwachen, wenn es nicht zu massiv ist, dass diese Grübel-Zwänge schon so zwanghaft geworden sind, dass ich keine Selbstkontrolle darüber mehr bekommen kann. Dann hat sich das so verselbständigt, dass ich auch wirklich andere Hilfe brauche. Aber ich kann über Selbstdisziplin zum Beispiel versuchen zu sagen okay, bisschen grübele ich. Aber dann mache ich eine Atemübung, damit ich wieder einschlafen kann.“
MUSIK 1 „Golden arrow“ ZEIT: 00:33
SPRECHERIN:
Doch gegenzusteuern ist einfacher gesagt als getan. Das ist die nicht so gute Nachricht. Es braucht schon regelmäßige Wiederholung und einige Übung, um sich wirklich auf seinen Atem konzentrieren zu können und das Gedankenkarussell zu stoppen. Konsequenz ist unabdingbar. Das betrifft auch andere Aktivitäten, die einen anti-grüblerischen Effekt haben, sagt Thomas Ehring.
MUSIK ENDE
O-TON 21: (Thomas Ehring)
„Sport zum Beispiel. Wir wissen, dass Sport, wenn man das regelmäßig macht, und das muss schon ein bisschen intensiver sein, dass das dazu führt, dass man weniger grübelt. Eine andere Sache ist zum Beispiel so etwas wie Yoga, Meditation, Achtsamkeit. Ich versuche ganz im Hier und Jetzt auf etwas zu achten, was eben nicht meine Probleme sind, meinen Körper oder sonst was. Ich merke vielleicht immer wieder, dass das abschweift. Und dann bringe ich das wieder zurück. Das ist tatsächlich eine gute Übung gegen Grübeln, hilft auch nicht, wenn ich mir vornehme, jetzt mal kurz zu meditieren, sondern das ist was, was man auch in seinen Alltag mit einbringen muss.“
SPRECHERIN:
Die Schwierigkeiten, die die Grübeleien eventuell ausgelöst haben, lassen sich auf diese Weise auch nicht lösen. Wer nachts nicht schlafen kann, kann seine Gedanken deshalb auch mal aufschreiben, um sie sich am nächsten Tag wieder anzuschauen. Mit einer Psychotherapeutin oder einem Freund darüber zu sprechen, ist ebenfalls eine gute Idee, um das Problem einzugrenzen. Es geht letztlich darum, anders, also produktiver, darüber nachzudenken.
O-TON 22: (Thomas Ehring)
„Also wenn ich zum Beispiel diesen Streit hatte und ich denke die ganze Zeit darüber nach, dann wäre es ja hilfreich, sehr konkret und spezifisch darüber nachzudenken, was genau ist da passiert, wie habe ich mich da gefühlt? Ist das schon mal aufgetreten? Was sind meine Bedürfnisse? Oder auch ganz konkret etwas zu tun, es dann nachher anzusprechen.“
SPRECHERIN:
Aus sich herauszugehen und dem Partner oder der Chefin von den eigenen Sorgen zu erzählen. Das kann entlasten und erklärt dem sozialen Umfeld vielleicht auch, warum die grübelnden Menschen in letzter Zeit so abwesend gewirkt haben, als seien sie nicht da.
O-TON 23: (Thomas Ehring)
„Also aktiv handeln statt denken.“
SPRECHERIN:
Malen, Musik machen oder hören, mit Kindern spielen – was auch immer. Hauptsache: körperlich-sinnliche Empfindungen rücken wieder stärker ins Bewusstsein. Die Körpertherapeutin Annelie Ritschel schlägt die Ich-bin-Übung vor.
MUSIK 2 „Heart“; ZEIT: 01:10
O-TON 24: (Annelie Ritschel)
„Sie sitzen stehen, liegen irgendwo und sagen: ich bin und achten auf das, was Sie gerade spüren, also zum Beispiel: ich bin mein Bauch, der gerade tief einatmet. Ich bin meine Schultern, die sich gleich entlasten, wenn ich an die Schultern denke, ich bin mein Atem, den ich spüre, wenn ich einatme, ich merke, wie ich ausatme. Oder ich merke irgendwie mir juckt's da gerade, oder ich merke irgendwie meine Stirn hat einen Druck.“
SPRECHERIN:
Und das Grübeln lässt hoffentlich nach. Wir beruhigen uns. Unser Stresslevel reduziert sich. Wir können klarer denken und verspüren mehr Kraft. Wir können jetzt aufstehen und losziehen, um etwas zu tun und die Welt um uns vielleicht ein kleines bisschen besser zu machen.