Das Grab des Petrus in Rom - Spurensuche unter dem Vatikan
Petrus‘ Tod markiert die Anfänge des Vatikans, heißt es. Doch die Wahrheit ist komplexer. Archäologen forschen schon seit Jahren in antiken Schichten unter dem Petersdom, als der Papst 1950 verkündet, das Apostel-Grab sei gefunden. Von Sebastian Kirschner
VON: Sebastian Kirschner
Ausstrahlung am 24.3.2025
SHOWNOTES
Credits
Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Wilkening
Technik: Robin Auld
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:
Prof. Dr. Paolo Liverani, Archäologe (Universität Florenz)
Dr. Matthias Kopp, Theologe, Archäologe, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz (Bonn)
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Linktipps:
Virtuelle Geschichte des Petersdoms - HIER geht es zur Website
3D-Tour durch den Petersdom samt Petrusgrab - HIER geht es zur Website
Ist Petrus wirklich in Rom gestorben? - Rezension des Buchs eines Zweiflers:
Mario Ziegler, Rezension zu: Zwierlein, Otto: Petrus in Rom. Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage. Berlin 2009 , ISBN 978-3-11-020808-5, in: H-Soz-Kult, 14.12.2009 HIER geht es zur Website
Die Weihnachtsbotschaft von 1950 von Papst Pius XII. im italienischen Originallaut: HIER geht es zur Website
Literatur:
Paolo Liverani, Giandomenico Spinola, Pietro Zander, „Die Nekropolen im Vatikan“ (2010) – wunderbar bebildertes Werk zur unterirdischen Welt des Vatikans. Exzellente Fachleute erläutern die Topographie der Nekropole, die antiken Bestattungsbräuche und stellen detailliert das Petrusgrab vor.
Margherita Guarducci, „Hier ist Petrus. Die Gebeine des Apostelfürsten in der Confessio von St. Peter“ (1967) – Informationen aus erster Hand: Die Archäologin und Epigraphikerin Margherita Guarducci zu den entscheidenden Funden und ihrer Interpretation.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN
23. Dezember 1950. Es ist kurz vor Heiligabend, als Papst Pius XII. die Weltöffentlichkeit überrascht. In seiner Weihnachtsbotschaft zum Ende des Heiligen Jahres verkündet er, hier ins Deutsche übersetzt von Monsignore Bruno Wüstenberg:
01_ZUSPIEL Pius XII
Die wesentliche Frage ist ja die folgende: Hat man wirklich das Grab des heiligen Petrus wiedergefunden? Ja. Das Grab des Apostelfürsten ist wiedergefunden worden.
SPRECHERIN
Es sind die Ergebnisse aus dem Abschlussbericht von geheimen Grabungen im Vatikan, die das katholische Kirchenoberhaupt hier vorstellt. Archäologen hatten dafür zehn Jahre lang metertief unter dem Petersdom geforscht. Die Wissenschaftler hatten nicht zuletzt herausfinden sollen, ob Petrus nach seinem Märtyrertod tatsächlich hier zur letzten Ruhe gebettet worden war. Matthias Kopp ist Theologe und Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, er hat lange Zeit selbst in Rom gearbeitet. Für ihn sind die damaligen Forschungen ein Meilenstein in der Geschichte der katholischen Kirche:
02_ZUSPIEL Kopp
Das war damals eine große, wichtige Öffnung des Papstes zu sagen, wir müssen mal schauen, was unter dem heutigen Petersdom, der aus der Zeit der Renaissance stammt, drunterliegt. Wir müssen an die Wurzeln herangegraben, im wahrsten Sinne des Wortes und schauen, wo unsere Ursprünge liegen. Dann wirklich dieses sogenannte Petrusgrab zu finden, war damals eine Sensation.
MUSIK 2 (Hans Zimmer – Secrets 0’35)
SPRECHERIN
DASS der Ort des Petrusgrabes außerordentlich wichtig ist, steht für Archäologe Paolo Liverani von der Universität Florenz außer Frage. Fast 20 Jahre lang war er Leiter der Antikenabteilung der Vatikanischen Museen. Nicht zuletzt für sein Buch „Die Nekropolen im Vatikan“ hat er sich intensiv mit den Ausgrabungen beschäftigt:
03_ ZUSPIEL Liverani
Of course the discovery of the tomb of Peter was extremely important, because this is the reason why the basilica was built there in the early fourth century by Constantine and the visible reason why the bishop of Rome is there.
OVERVOICE zu 03
Natürlich war die Entdeckung des Petrus-Grabes äußerst wichtig. Deswegen hat Konstantin dort im frühen 4. Jahrhundert die Basilika errichten lassen und deswegen befindet sich der Bischof von Rom dort.
SPRECHERIN
Eine Entdeckung, die für die Geschichte des Christentums und der katholischen Kirche kaum bedeutender sein könnte, findet auch Matthias Kopp:
04_ZUSPIEL Kopp
In der Heiligen Schrift, im Evangelium heißt es von Jesus an Petrus: Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und dass diese Kirche, die auf Petrus gebaut wird, nicht in Israel, in Palästina liegt, sondern da, wo der Tote bestattet wurde, nämlich in Rom.
MUSIK 3 (Chris Gilcher – Fragile Balance 0’35)
SPRECHERIN
Was für eine Vorstellung, wenn man diese Wurzeln der katholischen Kirche nun wirklich sehen, ja geradezu berühren könnte! Doch zugleich werden sich manche Menschen auf die frohe Botschaft des Papstes im Jahr 1950 verwundert zwei Fragen gestellt haben: Stand die Lage vom Grab des Petrus nach fast 2000 Jahren Kirche überhaupt noch zur Diskussion? Und wenn ja, warum sollte es ausgerechnet an dieser Stelle liegen?
MUSIK 4 ( Lygia 0’22)
SPRECHERIN
Rom, knapp 2000 Jahre zuvor: An der Stelle des späteren Petersdoms steht eine gigantische Spielstätte, für die Römer ein sogenannter Circus. Schon Kaiser Gaius, genannt Caligula, hat diesen Circus während seiner Regentschaft von 37 bis 41 nach Christi Geburt errichten lassen. Der Überlieferung zufolge hatte seine Mutter Agrippina ihm eine Fläche westlich des Tiber vermacht, die schon damals den Namen „ad Vaticanum“ getragen hat. Doch erst der spätere Herrscher Roms, Nero, verleiht dem Circus seine gewaltigen Ausmaße: Bis zu 560 Meter in der Länge und 85 Meter in der Breite maß der Bau nach Schätzungen einiger Forscher. Das entspräche etwa der Fläche von sieben Fußballfeldern.
05_ZUSPIEL Kopp
Caligula und Nero ließen einen Zirkus bauen außerhalb der Stadtmauer, um dort Wagenrennen, Sportwettkämpfe und andere Darbietungen durchführen zu können. Wobei das menschliche Leben durchaus in Kauf genommen wurde.
SPRECHERIN
Soll heißen: Nero ergötzt sich dabei geradezu an blutigen Spektakeln: Christen werden ans Kreuz geschlagen, sie werden bei lebendigem Leib verbrannt, in Tierhäute genäht und von Hunden zerfleischt. Nero verfolgt die Christen grausam, weil er ihnen die Schuld am verheerenden Brand von Rom zuschreibt. Doch der wahre Grund für die Verfolgungen dürfte ein anderer gewesen sein, glaubt Matthias Kopp:
06_ZUSPIEL Kopp
Nero war nicht besonders amüsiert darüber, dass es im Römischen Reich eine religiöse Sekte gab, die Gott Jupiter nicht anbeten wollte. Also kommt es wahrscheinlich ab dem Jahre 60, 62 nach Christus zur ersten großen Welle der Christenverfolgung. Und Nero wollte diese Sekte verhindern. Und diese Christen verfolgen, das war am praktischsten, indem man sie in einen Zirkus trieb vor den Toren der Stadt.
MUSIK 5 (Kevin Yost – Oblivion 0’54)
SPRECHERIN
Das hängt mit dem römischen Gesetz zusammen: Demnach mussten Tote vor den Toren der Stadt beigesetzt werden. Und eben in jenem Zirkus stirbt einer historischen Deutung zufolge um das Jahr 64 oder 67 ein Christ den Märtyrertod am Kreuz, der später als erster Stellvertreter Jesu in die Geschichte eingehen wird: der Apostel Simon, genannt Petrus.
07_ ZUSPIEL Kopp
Wir wissen nicht genau, wie er gestorben ist. Wir kennen in der Literatur jetzt zwei Gattungen: einmal die Bibel, die um das Jahr 120 nach Christus abgeschlossen wird. Und dann gibt es noch so genannte - das ist jetzt für Petrus wichtig - apokryphe Schriften. Das sind Schriften aus der Geschichte der Kirche, die nicht zum biblischen Kanon zählen. Und in den sogenannten apokryphen Petrusakten wird uns berichtet, dass der Petrus eben mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde in diesem Zirkus des Nero.
MUSIK 6 (Kevin Yost – Oblivion 1‘16)
SPRECHERIN
Ob diese historische Überlieferung wahr ist, wagt Matthias Kopp nicht zu beurteilen. Neben seiner Arbeit für die Deutsche Bischofskonferenz sucht er selbst nach historischen Fakten – und gräbt als Archäologe seit Jahren in einem Teil der Nekropolen des Vatikans. Eines jedenfalls ist klar: Dem Circus ist kein langes Bestehen beschieden. Archäologische Untersuchungen sprechen dafür, dass er wohl um die Mitte des zweiten Jahrhunderts schon aufgegeben ist; römische Gräber breiten sich auf seinem Areal aus. Auch Petrus – sollte er hier bestattet sein - scheint hier erst einmal in Vergessenheit geraten zu sein. Bis Kaiser Konstantin kommt: Der ist religiös tolerant und erhebt das Christentum zwar nicht zur Staatsreligion, aber zumindest zur staatlich geförderten Religion. Und: Er errichtet um das Jahr 324 auf dem vatikanischen Hügel auch eine Basilika.
08_ ZUSPIEL Kopp
Nach dem Zirkus kommt eine sehr lange Zeit, das sind 200 Jahre, die dort quasi dieses Gebiet auch als Begräbnisort benutzt wird. Und dann sagt der Kaiser Konstantin mit dem damaligen Papst Silvester, wir bauen eine Basilika. Zum ersten Mal wird eine Kirche gebaut, in der Form einer alten antiken Kaiserhalle. Das war ein rechteckiges, langgezogenes Gebäude mit einer Apsis, also einem halbrunden Ende.
MUSIK 7 (Kevin Yost – Oblivion 0’29)
SPRECHERIN
Das Gelände, auf dem später die Basilika stehen wird, ist nicht eben – es fällt nach Süden ab. Aber anstatt sich an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen, krempelt der Kaiser den Hügel von Grund auf um, wie Forscher Jahrhunderte später feststellen werden.
10_ ZUSPIEL Liverani
This was not a very easy situation because there was a hill with the difference in level. So he had to build a sub-structure of seven meters height to level the terrace and to build the basilica on top. So it was a great effort.
OVERVOICE zu 10
Das war nicht einfach, denn da war ein Hügel mit Höhenunterschied. Er musste also eine sieben Meter hohe Unterkonstruktion bauen, um die Terrasse für den Bau der Basilika zu ebnen. Das war viel Aufwand.
SPRECHERIN
Kaiser Konstantin lässt also an einem Ort den Hügel samt der Gräber abtragen und ein Stück hangabwärts das Bodenniveau anheben – und das, obwohl hangaufwärts eine ebene Fläche geradezu darauf wartet, bebaut zu werden.
11_ ZUSPIEL Kopp
Da wird ein Riesenaufwand betrieben. Es sind unglaubliche Baumaßnahmen durchgeführt worden, allein an Aufschüttungen.
MUSIK 8 (Chris Gilcher – Fragile Balance 0’41)
SPRECHERIN
Warum? - Kaiser Konstantin betreibt einen Aufwand, der nach Urteil der meisten Fachleute eigentlich völlig unverhältnismäßig wäre ¬– wenn es nicht eine Stelle in der Basilika gäbe, auf die sich alles zu fokussieren scheint. Sollte das wirkich die Stelle sein, die fromme Christen dem Kaiser gewiesen hatten, weil sie dort schon länger das Grab des Petrus verehrten? Hat Kaiser Konstantin seine Kirche, den Vorgängerbau des heutigen Petersdoms, tatsächlich und bewusst über dem Grab des Petrus errichten lassen?
MUSIKENDE
SPRECHERIN
Es sind Fragen, die auch Papst Pius XII. beschäftigen, als die Archäologen während des Zweiten Weltkriegs unter dem Petersdom zu Gange sind.
14_ ZUSPIEL Liverani
Pope Pius XII. wanted to enlarge the grottos, because they were used also for the buriing of the Popes.
OVERVOICE zu 14
Pius XII. wollte die Grotten vergrößern, weil dort auch die Päpste bestattet wurden.
SPRECHERIN
erzählt Paolo Liverani. Der damals jüngst verstorbene Papst Pius XI. hatte testamentarisch verfügt, wie so viele Päpste vor ihm, dort unten bestattet zu werden. Dafür brauchte es Platz, das Bodenniveau musste dementsprechend abgesenkt werden. Doch das, worauf die Archäologen dabei gestoßen sind, war mehr als nur die Sarkophage einiger vergangener Kirchenoberhäupter:
15_ ZUSPIEL Liverani
They found a Roman necropolis of the second and third century.
OVERVOICE zu 15
Sie fanden eine römische Nekropole aus dem 2. und 3. Jahrhundert.
MUSIK 9 (Hans Zimmer – All That Remains 0’24)
SPRECHERIN
Die Ausgräber waren auf die alte Via Cornelia gestoßen, eine römische Totenstraße, auf der sich ein antikes Grabmal an das andere reiht – und die direkt unter den Altar des Petersdoms führt. Angestachelt von Neugier lässt Pius XII. die Grabungen vorantreiben.
16_ ZUSPIEL Kopp
Das war damals eine große, wichtige Öffnung des Papstes zu sagen, wir müssen mal schauen, was unter dem heutigen Petersdom, der aus der Zeit der Renaissance stammt, drunterliegt.
SPRECHERIN
Vielleicht lag ja dort das sogenannte Tropaion. Also das Grabmal, das nach den antiken Beschreibungen eines Priesters namens Gaius um das Jahr 160 unserer Zeit über dem Apostelgrab errichtet worden sein soll.
17_ ZUSPIEL Liverani
Gaius says that at the Vatican along the Via Ostiensis there are the tropaia, the trophies of the two apostles – Peter on the Vatican and Paul on the Via Ostiensis. Trophy means the monument glorifying the victory of the martyrdom against death and persecution. This is the meaning of the word.
OVERVOICE zu 17
Gaius sagt, dass es im Vatikan entlang der Via Ostiensis die Tropaia gibt, die Trophäen der beiden Apostel – Petrus im Vatikan und Paulus an der Via Ostiensis. Trophäe meint das Denkmal, das den Sieg des Martyriums über Tod und Verfolgung verherrlicht. Das ist die Bedeutung des Wortes.
MUSIK 10 (Hans Zimmer – Secrets 0’40)
SPRECHERIN
Doch das Ergebnis der Ausgrabungen scheint im ersten Moment ernüchternd: ein gepflastertes Feld, nicht größer als vier mal sieben Meter. Bis eine Entdeckung erste Hoffnung weckt.
18_ ZUSPIEL Kopp
Man hat unter dem alten Petersdom eine Konstruktion gefunden, die aus zwei kleinen Säulen besteht, mit einem Architrav, also eine Art Türsturz darüber. Und diese Konstruktion war an eine rote Mauer gelehnt.
19_ ZUSPIEL Liverani
And there was an Aedicula with two little columns which was in correspondence to the description which was given by Gaius.
OVERVOICE zu 19
Und da gab es eine Ädikula, eine Nische mit zwei kleinen Säulen, die der Beschreibung von Gaius entsprach.
SPRECHERIN
Aber statt einer prunkvollen Bestattung bleibt es für die Ausgräber bei einer roten Ziegelmauer mit einer Zierfassade und einer leeren Nische. Erst als die Archäologen unter dem Boden vor der Fassade suchen, stoßen sie in einer kleinen Grube auf Knochen. Doch selbst die stellen sich im Labor als buntes Gemenge heraus: Sie gehörten zwei Männern und einer Frau. Und außerdem einem Schwein, einem Pferd und einem Hahn. - Jahre vergehen. Bis sich in den 1950er-Jahren die Italienerin Margherita Guarducci daran macht, die Sache noch einmal aufzurollen. Als Archäologin war sie schon zuvor an den Ausgrabungen unter dem Petersdom beteiligt gewesen. Doch Guarducci ist auch eine äußerst renommierte Inschriftenspezialistin, weiß Paolo Liverani:
20_ ZUSPIEL Liverani
She was an iron lady. I knew her when she was very old. She was a highly esteemed specialist in greek epigraphy and now she was interested in deciphering the wall of the graffiti. because on the red wall there was also a little wall butting to the red wall. And inside the aedicula with the two columns, on this wall there were a lot of graffiti of every type. And there was also a tiny fragment of who was fallen down, but clearly part of the red wall. With a little inscription of letters which means „Petros ani“ which means „Peter is here“.
OVERVOICE zu 20
Sie war eine eiserne Lady. Ich habe sie kennengelernt, als sie schon alt war. Sie war eine angesehene Spezialistin für griechische Epigrafik. Und jetzt wollte sie die Graffiti an der Wand entziffern. Denn es gab noch eine kleine Wand, die an die rote Mauer angrenzte. Und an der Wand im Inneren der Nische mit den beiden Säulen gab es viele verschiedene Graffiti. Und auch ein winziges Fragment, das runtergefallen, aber eindeutig Teil der roten Wand war. Darauf Buchstaben, die Petros ani bedeuten. Übersetzt „Petrus ist hier“.
MUSIK 11 (Hans Zimmer – Secrets 0’31)
SPRECHERIN
Um es noch einmal deutlich zu machen: Es sind sieben krakelige griechische Buchstaben, die die Epigraphikerin Margherita Guarducci ergänzt zu den Worten PETROS ANI – „Hier ist Petrus“.
21_ ZUSPIEL Liverani
There is an enormous debate on the graffiti of the inscription on this wall. Because the problem is that at the base of the aedicula the were no bones in the tomb. But in the wall there was a little loculus. But there is a strange history because the archaeologist who were in charge for the excavation didn‘t find bones in the loculus. But Margherita Guarducci discovered that during the night with the administrator of the basilica. They went in the excavation to check whether was everything in order and found the bones and said, oh collect them because we cannot leave the bones of early christian people in this way and he put them in a wooden box in a store room. So 10 years later speaking with Margherita Guarducci she remembered, I found something there and she recovered this box. So that Margherita Guarducci thinks that there was a translation from the grave in the earth to this loculus for preserving in a better way.
OVERVOICE zu 21
Über das Graffiti der Inschrift an dieser Wand wird heftig diskutiert. Denn das Problem ist, dass sich am Fuß der Ädikula keine Knochen im Grab befanden. Aber in der Wand gab es einen kleinen Loculus dafür. Das seltsame an der Sache: Der damals verantwortliche Archäologe, hat keine Knochen in dem Loculus gefunden. Aber Margerita Guarducci entdeckte sie, als sie nachts mit dem Verwalter der Basilika auf der Ausgrabung war. Sie wollte prüfen, ob alles in Ordnung ist, findet die Knochen und sagt „oh, sammel sie ein, so können wir die Knochen von frühen Christen nicht zurücklassen“. Und er hat sie in eine Holzbox in einem Lagerraum gelegt. 10 Jahre später erinnert sich Margerita Guarducci in einem Gespräch, dass sie dort etwas gefunden hatte und stößt auf diese Kiste. Fortan glaubt Guarducci, dass die Knochen einst aus der Erde in den Loculus kamen, um sie besser aufzubewahren.
MUSIK 12 ( Adam Saunders, Mark Cousins – Gentle Wonderment 0’46)
SPRECHERIN
Eher zufällig stößt also die Wissenschaftlerin im Magazin des Vatikans auf eine Kiste mit Knochen, die einst just in der Nische mit den Graffiti gelegen haben sollen. Knochen, die – ein weiterer Zufall - nie in den damaligen Grabungsbericht eingegangen waren. Analysen, die Margherita Guarducci Mitte der 1960er-Jahre vorstellt, ergeben schließlich: Es handelt sich um die sterblichen Überreste einer, wie es heißt „60- bis 70-jährigen männlichen Person von kräftiger Statur“. Und die waren demnach einst sogar umhüllt von purpurrotem, golddurchwirktem Stoff. Endlich hat die Kirche ihren Petrus! Oder?
22_ ZUSPIEL Kopp
Es hat natürlich immer eine Debatte um die Echtheit der Knochen gegeben. Diese Knochen sind damals untersucht worden mit der radioaktiven Zerfallsmethode C14. Man hat die Ergebnisse so festgehalten, dass es sich um eine männliche Person semitischen Ursprungs handelt, die zwischen 60 und 80 nach Christus gewaltsam ums Leben gekommen ist. Mehr wissen wir konkret nicht. Wir werden nie eine hundertprozentige Sicherheit haben.
MUSIK 13 (Chris Gilcher – Fragile Balance 0’22)
SPRECHERIN
sagt Matthias Kopp. Ob die katholische Kirche ihren Petrus gefunden hat oder nicht? Diese Frage ist aus Sicht von Archäologe Paolo Liverani nicht einfach zu beantworten. Er findet es wichtig, dabei drei Aspekte zu unterscheiden:
23_ ZUSPIEL Liverani
The first one, which is the most important of the historical level of the death for martyrdom in Rome of Peter during the persecution by Nero. and this is a historical fact.
OVERVOICE zu 23
Der erste, historisch wichtigste ist der Märtyrertod von Petrus in Rom während der Christenverfolgung durch Nero. Und das ist historischer Fakt.
SPRECHERIN
Hier würden freilich kritische Stimmen Paolo Liverani auch widersprechen. Die literarischen Belege für Petrus‘ Ende in Rom reichen nicht so weit, als dass es als absolut sicher gelten kann. Aber selbst wenn man den Tod von Petrus in Rom annehmen möchte: Liegt das Grab an der angenommenen Stelle?
24_ ZUSPIEL Liverani
We have the archaeology of the brick stamp on the red wall. which is dated to not later than 161 AD so that we can say that in the middle of the second century the tomb of Peter was considered there. Of course there is one century between the death of Peter which according the sources was executed in 64 or in 67. But we also have to add that in antiquity nobody contested the presence of Peter in Rome. Also during a harsher debate between the various Christian communities, Arianes against Catholics and so on. So that according to me the tomb of Peter is a probable identification.
OVERVOICE zu 24
Archäologisch haben wir einen gestempelten Ziegelstein in der roten Wand. Der wird auf spätestens 161 nach Christus datiert. Man hat also in der Mitte des 2. Jahrhunderts angenommen, Petrus´ Grab liegt hier. Natürlich liegt ein Jahrhundert dazwischen zum Tod des Petrus. Der wurde laut Quellen im Jahr 64 oder 67 hingerichtet. Aber auch in der Antike hat niemand Petrus´ Anwesenheit in Rom bestritten. Obwohl es harte Debatten gegeben hat zwischen christlichen Gemeinschaften, Arianer gegen Katholiken und so weiter. Daher handelt es sich wahrscheinlich um das Grab des Petrus.
MUSIK 14 (Chris Gilcher – Fragile Balance 0’39)
SPRECHERIN
Und schließlich Aspekt drei: Sind es wirklich die sterblichen Überreste von Petrus, auf die man bei den Ausgrabungen gestoßen ist?
25_ ZUSPIEL Liverani
We have no absolute certainty here. But to be honest for a historian and archaeologist this level is less important.
OVERVOICE zu 25
Wir wissen es nicht sicher. Aber für einen Historiker und Archäologen ist das auch nicht so wichtig.
SPRECHERIN
Natürlich sei es wichtig für das Gedenken, sagt Paolo Liverani. Aber für die Geschichtsschreibung sei es eben nicht so entscheidend. - Vielleicht ist es genau das, was diese eine Stelle unter dem Petersdom bis heute so besonders macht:
26_ ZUSPIEL Kopp
Für mich als gläubiger Katholik, der eben auch noch Archäologe ist, bleibt eben das Spannende an der ganzen Geschichte, dass wir diese lange Verehrung exakt an diesem Ort haben und nicht zehn Meter weiter südlich und auch nicht zwanzig Meter weiter östlich. Die Tatsache, dass man hier in einer Zeit, in der unter den Kaisern Caligula und Nero Christen brutal verfolgt wurden, an einen Ort kommt, an dem Petrus seit so früher Zeit verehrt wird, ist für den Glauben durchaus fundamental.
SPRECHERIN
sagt Matthias Kopp. Und diese außerordentliche Bedeutung für den christlichen Glauben sieht er durch die archäologischen Grabungen in den letzten Jahren noch weiter bestätigt. So etwa durch die Ausgrabungen, die in den 2000er und 2010er Jahren erfolgt sind, wo jetzt das vatikanische Kaufhaus und das Parkhaus stehen.
27_ ZUSPIEL Kopp
Das sind sensationelle Ausgrabungen gewesen, weil man fantastische Begräbnisrituale durch mehrere Jahrhunderte gefunden hat. Die Kolleginnen und Kollegen haben dort Aschenurnen freigelegt, die eindeutig auf eine heidnische Begräbniskultur Rückschlüsse zulassen. Der Christ lässt sich als Ganzkörper bestatten, der Heide davor lässt sich verbrennen. Die Kolleginnen und Kollegen finden dann in einer anderen archäologischen Schicht voll erhaltene Gräber mit wunderbar erhaltenen Skeletten, wo eindeutig eine christliche Konnotation zu finden ist: durch Münzfunde, durch Ringe mit einem Kaisermonogramm und ähnlichem. Und in einer dritten Phase finden Sie dann fantastische Marmorarbeiten, kleine Altäre, kleine Kultnischen, wo man Öllämpchen abstellen konnte, wo man der Toten gedacht hat, wo man das Refrigerium, das Totenmahl, durchgeführt hat.
SPRECHERIN
Kurz gesagt: In den Funden zeichnet sich ab, wie die Menschen damals vom heidnischen zum christlichen Glauben übergegangen sind. Wir sehen die Anfänge des Christentums. Die Ausgrabungen der letzten Jahre zeigen, dass die Verehrungstradition sich eben nicht nur auf das Gelände unter Sankt Peter beschränkt. Sie hat offenbar nach und nach den gesamten vatikanischen Hügel erobert. Matthias Kopp merkt an,
28_ ZUSPIEL Kopp
… dass in Rom auch beim Begräbnis durchaus geklotzt wurde. Denn man war ja in der Nähe der Heiligen, und da wollte man ja ein ordentliches Grab haben.
MUSIK 15 ( Hans Zimmer – Sciences And Religion 1’16)
SPRECHERIN
Und das Grab des Petrus selbst, was wissen wir wirklich darüber? Nun ja, die Archäologen haben damals bei ihren Ausgrabungen unter dem Petersdom also erst einmal nichts anderes entdeckt als den Ort, den Christen zur Zeit von Kaiser Konstantin als das Grab des Petrus verehrt haben. Ob es sich um dessen wirkliches Grab handelt, ist so ungeklärt wie die Identität desjenigen, dessen Gebeine darin gelegen haben. Pius XII. selbst war sich seinerzeit in einem jedenfalls sicher: Zur Frage, wem die sterblichen Überreste einst gehört haben, sagt der Papst – wieder übersetzt von Monsignore Bruno Wüstenberg – in seiner Weihnachtsbotschaft 1950:
ATMO Rauschen altes Radio
29_ZUSPIEL Pius XII
Dies lässt indes die geschichtliche Wirklichkeit des Grabes unberührt.
Die Riesenkuppel wölbt sich genau über dem Grab des ersten Bischofs von Rom, (des ersten Papstes, einem Grab äußerst bescheiden in seinen Anfängen.)